Das LWL-Archivamt für Westfalen ist die erste Anlaufstelle für Kommunalarchivar·innen in der Region. Marcus Stumpf erzählt im Interview, welche Beratungs- und Fortbildungsangebote es gibt und wie durch Gremien oder Verbände Einfluss auf die Politik rund um den Originalerhalt genommen werden kann. 

KEK: In Kommunalarchiven lagern für die Forschung unersetzliche Originale. Leider fehlt es gerade kleinen Einrichtungen an Know-how für den Bestandserhalt. Welche Hilfestellungen gibt das LWL-Archivamt?

Marcus Stumpf: Das LWL-Archivamt ist als eine der beiden Archivberatungsstellen in NRW zuständig dafür, die nichtstaatlichen Archive in allen archivischen Fachfragen zu unterstützen. Denn gerade in den kleineren Städten und Gemeinden sind die Archivar·innen oft alleine im Archiv und selbst mit der besten Fachausbildung kann man ja nicht alles gleich gut. Speziell in der Bestandserhaltung ist Expertenwissen gefragt. Unsere Restauratorinnen beraten die Archive daher – auch vor Ort – in allen Fragen der Bestandserhaltung von der richtigen Unterbringung, Lagerung und Verpackung über Notfallvorsorge, Magazinhygiene, also etwa Papierfischchen- und Schimmelbekämpfung, bis hin zu maßgeschneiderten Bestandserhaltungskonzepten. Wir bieten zu den Bestandserhaltungsthemen Fortbildungen an und unsere Werkstatt führt auch Restaurierungsaufträge der Archive durch.

Die Landesarchivgesetze verpflichten alle Kommunen, für ihr Archivgut Sorge zu tragen. Häufig fehlt es jedoch an Mitteln. Wie kann dem entgegengesteuert werden?

Förderprogramme für Bestandserhaltung sind ein Segen nicht nur des Geldes wegen, sondern vor allem auch, weil sie Bewusstsein schaffen: In NRW läuft schon seit 2006 die von der Landesregierung initiierte und sehr erfolgreiche Landesinitiative Substanzerhalt (LISE). Die Landesförderung mit ihren niederschwelligen Antragsverfahren hat dafür gesorgt, dass viele Kommunen die Etats ihrer Archive aufgestockt haben, um in den Genuss der Förderung zu kommen. Dabei ist auch der Einsatz der beiden Archivberatungsstellen bei den Landschaftsverbänden ein Erfolgsgarant, denn die fungieren als Scharnierstellen, beraten die Archive vor der Antragstellung und verteilen die Landesmittel. Dass man nun auch Landesmittel und eigene Mittel bündeln kann, um einen KEK-Antrag zu stellen, stärkt die Akteur·innen auf allen Ebenen weiter und schafft so die Grundlage für Nachhaltigkeit. Projektförderung ist etwas Schönes, echten Nutzen stiftet sie aber vor allem dann, wenn sie langfristig – und zwar in den Archiven vor Ort – strukturbildend wirkt.

Als Vorsitzender der Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag nehmen Sie beratend Einfluss auf die Politik. Welche Themen werden in den nächsten Jahren wichtig?  

Die kommunalen Spitzenverbände sind Interessenvertretung und Sprachrohr der Städte, Gemeinden und Kreise in Deutschland. Wenn es um Fragen des kommunalen Archivwesens geht, können sich die Spitzenverbände auf die Positionspapiere und Empfehlungen stützen, die in der Bundeskonferenz und ihren Fachausschüssen erarbeitet werden, und tun das auch regelmäßig. In Fachfragen befinden sich etwa die Bundeskonferenz der Kommunalarchive und das Kulturreferat des Deutschen Städtetages in einem ständigen und für beide Seiten gewinnbringenden Dialog. Ich kann jedenfalls sagen, dass das Engagement des Städtetages für die kommunalen Archive enorm hilfreich ist! Was die Themen angeht: Bestandserhaltung ist eine Daueraufgabe, das schriftliche Kulturgut zu erhalten bleibt die zentrale Herausforderung. Gerade jetzt in der Zeit der digitalen Transformation gilt, dass die eine Aufgabe nicht gegen die andere bei der Bereitstellung von Ressourcen ausgespielt werden darf. Gerade aus Sicht der kommunalen Archive, insbesondere der kleineren, ist wichtig, dass man deren spezielle Situation berücksichtigt: Dort verläuft der digitale Wandel zwangsläufig deutlich langsamer als in den großen und die Bundeskonferenz versucht, dieser Tatsache Rechnung zu tragen, damit sich die technologische Schere nicht immer weiter öffnet und die kleineren Archive nicht abgehängt werden. Deswegen sind Fachausbildung und Fortbildung im kommunalen Archivbereich auch künftig von größter Bedeutung.

Transport von Akten
Um sie vor dem Papierzerfall zu retten, wurden die Patientenakten des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe im BKM-Sonderprogramm 2019-2020 in mehreren Chargen entsäuert. © LWL-Archivamt für Westfalen

Das LWL-Archivamt ist nicht nur beratend tätig, sondern sichert selbst Archivalien. So macht es in seinem Lesesaal die Bestände privater Archive interessierten Bürger·innen zugänglich. Welche Kooperationen sind exemplarisch?

In der Tat haben wir in Westfalen-Lippe die besondere Situation, dass wir die Bestände der meisten Privatarchive zugänglich machen. Grundlage dafür ist die zwischen LWL-Archivamt und dem westfälischen Adelsarchivverein bestehende, enge und vertrauensvolle Kooperation, die 2023 ihr hundertjähriges Jubiläum feiert. Das Archivamt berät die Eigentümer·innen der Privatarchive (nicht nur die adeligen), und kümmert sich um die Ordnung und Erschließung der Archivbestände. Dafür verpflichten sich die Eigentümer·innen, ihre Archive für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich zu halten. So steht es auch ausdrücklich in der Satzung des Adelsarchivvereins. Die Kooperation hat sich über 100 Jahre bestens bewährt und deswegen halte ich es für richtig, dass auch Bestände privater Archive und in öffentlichen Archiven deponierte Archivbestände im Rahmen der KEK-Programme gefördert werden. Denn deren Erhaltung und Zugänglichkeit liegen ja gerade im öffentlichen Interesse. Dieses ist nach meiner Überzeugung das Entscheidende, nicht die Eigentumsfrage. Dass auf der anderen Seite die Zugänglichkeit garantiert sein muss, liegt auf der Hand, aber wie gesagt: Unsere 100-jährige Kooperation mit den "Vereinigten Westfälischen Adelsarchiven" beweist, dass das System funktioniert, wenn ein fairer Interessensausgleich gewährleistet ist. Das in diesem Jahr bewilligte und auf zwei Jahre ausgelegte KEK-Modellprojekt des westfälischen Adelsarchivs Brincke belegt dies eindrucksvoll: Der Eigentümer hat einen namhaften Eigenanteil für das Projekt bereitgestellt. Nicht nur sind die Archivbestände uneingeschränkt nutzbar und die wichtigsten Findbücher online, der Eigentümer hat vor wenigen Jahren sogar einen neuen vorbildlichen Bau für sein Archiv errichten lassen.

Kulturgut soll Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende überdauern. Was sind die größten Herausforderungen für den Originalerhalt im 21. Jahrhundert?

In der Bestandserhaltung sehe ich vor dem Hintergrund der Flutkatastrophe im Juli vor allem wieder die Notfallvorsorge und Notfallbewältigung als zentrale Themen: Angesichts des Klimawandels und seiner Begleiterscheinungen – besonders die Starkregenereignisse –, muss nicht nur das Notfallmanagement angepasst werden, sondern es müssen neue Magazinbau- und Klimatisierungskonzepte für die Lagerung von schriftlichem Kulturgut her! Und auch in der Zukunft bleibt der Kampf gegen den Papierzerfall eine Herkulesaufgabe. Wir haben erst einen Bruchteil der in den deutschen Archiven liegenden säurebelasteten Archivalien entsäuert und wir wissen noch nicht, welche besonderen Herausforderungen auf die Bestandserhaltung durch den Einsatz von Umweltschutzpapier in den Verwaltungen seit den 1980er-Jahren zukommen. Abgesehen davon haben wir es im 21. Jahrhundert längst mit digitalem Kulturgut, digitalen Originalen, zu tun. Es kommt womöglich schon recht bald die Zeit, in der es KEK-Projekte auch für digitales "schriftliches Kulturgut" geben wird.