Tauba Orenbach hofft, dass ihre Schwester überlebt hat. Dass sie die Verschwundene noch findet. Heute umso mehr, sitzt sie doch an der Seite von Małgorzata Przybyła im Garten der Arolsen Archives. Gerade hat ihr Przybyła, Mitarbeiterin des Suchteams, im Konferenzraum viele Dokumente ihrer jüdischen Familie gezeigt – Spuren aus dem riesigen Archiv der Institution, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Suchdienst
gegründet wurde. Es ist ein bewegender Moment: Sogar Tauba Orenbachs Geburtsurkunde aus dem Displaced-Persons-Camp Bergen-Belsen hat Przybyła gefunden.

Die Frankfurterin Orenbach erzählt von ihrer Überraschung, dass sie erst vor wenigen Wochen von den Arolsen Archives erfahren habe. Wie viele Millionen Menschen vor ihr, die mit Hilfe des International Tracing Service (ITS) nach ihren Familienangehörigen fahndeten, hofft Orenbach, die Schwester wiederzufinden, die sie als nach der Befreiung Geborene nie kennengelernt hat: Die Eltern gaben die Schwester in eine Pflegefamilie, bevor sie sich nach der Auflösung des Lemberger Ghettos in der Kanalisation vor den Nationalsozialisten versteckten. Nach dem Krieg war das Kind aus der Pflegefamilie nicht zurückgekehrt. Ob Tauba Orenbach nun, nach so langer Zeit, endlich erfährt, was mit ihrer Schwester passierte?

Tauba Orenbach Malgorzata Przybyla Bärbel Thierkopf
Tauba Orenbach, Małgorzata Przybyła und Bärbel Thierkopf (von links). © Arolsen Archives

Suchexpertin Przybyła verspricht, alles zu tun, was in ihrer Macht stehe, aber sie macht Orenbach auch keine falschen Hoffnungen. Denn nur noch selten gelingen dem Team des Archivs heute Familienzusammenführungen. Die Suche nach vermissten Personen war und ist eine der Kernaufgaben des ITS, der seit Mai 2019 den neuen Namen Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution trägt. Ein weiterer wichtiger Auftrag war über Jahrzehnte hinweg, Bescheinigungen für ehemalige Verfolgte auszustellen, damit diese Entschädigungszahlungen von deutschen Behörden erhalten konnten. Auch heute noch fragen in Bad Arolsen jährlich 16.000 Menschen an, weil sie sich für das Schicksal ihrer Familien in der NS-Zeit und danach interessieren.

Humanitäre Krise ohne historische Vorläufer

Die Arolsen Archives sind eine bemerkenswerte, unvergleichliche Institution: Hier wird mit millionenfachen Originalaufzeichnungen der Täterinnen und Täter, mit Akten der SS, der Gestapo, kurz: der NS-Bürokratie gearbeitet, um deren Opfern zu helfen. Nach dem Krieg ging es zunächst darum, die auseinandergerissenen Familien wiederzuvereinen, Vermisste zu finden. Dazu rekonstruierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Schicksal der Betroffenen und brachten suchende Menschen zusammen. Oftmals überbrachte man den Hilfesuchenden aber auch Todesnachrichten, wenn Angehörige von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Manche erfuhren nicht einmal das: Nicht alle Opfer der Nationalsozialisten wurden namentlich dokumentiert, das gilt zum Beispiel für die Massenerschießungen in Osteuropa.

Karteiakten
In den sogenannten T/D-Akten werden alle eingegangenen Suchanfragen zu einer Person erfasst. © Arolsen Archives, Johanna Groß

Die Kenndaten des Archivs beeindrucken: Die Zentrale Namenkartei umfasst circa 50 Millionen Karteikarten, Informationen zu 17,5 Millionen Menschen sind in den Arolsen Archives erhalten. Zusätzlich sind 30 Millionen historische Dokumente in den Hallen des Archivs gelagert. Millionen von Unterlagen zu NS-Opfern, darunter Karteien und Akten aus Konzentrationslagern wie Buchenwald, Dachau oder Mauthausen, Unterlagen der Gestapo und von "Obersten Reichsbehörden". Hinzu kommen umfangreiche Dokumente zur Zwangsarbeit
in hunderten Firmen und Behörden. Auch Akten aus Unterkünften und Lagern für Displaced Persons (DPs), wie die Befreiten und Geflüchteten in der Nachkriegszeit genannt wurden, gaben die Alliierten nach Arolsen. Viele Informationen flossen ab 1947 in ausführliche Fallakten ein, die der ITS selbst anlegte: In den sogenannten T/D-Akten – T/D steht für Tracing / Documentation – finden sich auch Korrespondenzen mit verschiedenen Ämtern und Institutionen. 2013 ernannte die UNESCO die originalen Dokumente aus der NS- und Nachkriegszeit sowie die Zentrale Namenkartei zum Weltdokumentenerbe.

Ein lebendiges Denkmal

Die Alliierten entwickelten ab 1943 Pläne zur Betreuung der Millionen Überlebenden der NS-Verfolgung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entstand das Central Tracing Bureau (CTB), das zunächst in Frankfurt-Höchst
und ab 1946 in Arolsen angesiedelt war. Zudem gab es in allen Besatzungszonen verteilt Zonensuchbüros. Die Sicherung der Dokumente und die zentrale Sammlung galt es zu organisieren. Viele offizielle Stellen und Ämter wie Polizei, Justiz- und Kommunalverwaltungen stellten Unterlagen für die wahrscheinlich größte Suchaktion der Geschichte bereit. Die humanitäre Krise habe damals ein "Ausmaß ohne historische Vorläufer" erreicht, heißt es in Publikationen der Arolsen Archives.

Registerbuch
Ein von den Alliierten angelegtes "Totenbuch", mit dessen Hilfe ermordete KZ-Häftlinge identifiziert wurden. © Arolsen Archives, Frederic Bozada

Anfang 1948 wurde die Umbenennung in International Tracing Service (ITS) vollzogen. 1949 arbeiteten dort 1.758 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 20 Ländern. Eine Steuerung der Institution durch die Deutschen lehnten die Siegermächte und Organisationen wie das American Jewish Joint Distribution Committee allerdings ab. 1955 übernahm das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) die Leitung als neutrale Instanz. Ein internationaler Ausschuss wachte als Aufsichtsgremium über die Aktivitäten und übernahm nach dem 2012 erfolgten Rückzug des IKRK aus der Leitung die Steuerung des ITS. Bis heute finanziert der Bund, über die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), alleinig den Betrieb der Institution.

Porträt Archivare
Auf 1.758 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wuchs die Belegschaft der Arolsen Archives bis 1949 an. © Arolsen Archives

Immer wieder kam es auch zu politischen Spannungen, beispielsweise in der Diskussion um Entschädigungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in den 2000er-Jahren. Neue Aufgaben für den ITS, in deren Zuge Hunderttausende von Anfragen zu beantworten waren, denn die Bescheinigungen waren Voraussetzung für die Antragstellung. Basis für alle Auskünfte und Bescheide, die die Zeit des Nationalsozialismus betreffen, sind oftmals die Akten des NS-Regimes. Von den Täterinnen und Tätern verfasste Dokumente halten das menschenverachtende Handeln auf Papier fest. Es ist daher kein Wunder, dass die Arolsen Archives immer wieder mit Begriffen wie "gesammeltes Grauen" oder das "Grauen auf vergilbten Karteikarten" beschrieben wurden. Labels, die die Institution nicht mit in die Zukunft nehmen will. Neue Aufgaben in Vermittlung und Bildung warten: Nach 70 Jahren verwandelt sich der Suchdienst in ein "Denkmal aus Papier", wie sich die Arolsen Archives selbst bezeichnen. Doch das Denkmal will vermittelt werden, soll es denn ein lebendiges Gebilde sein. In Bad Arolsen hat sich Direktorin Floriane Azoulay mit ihrem Team aufgemacht, die weitere Aufklärung von NS-Schicksalen voranzutreiben. Die Vermittlungsarbeit wird in Zusammenarbeit mit Gedenkstätten verstärkt, Publikationen erschließen das weitläufige Archiv für die Öffentlichkeit. Eine eigene Forschungs- und Bildungsabteilung wertet die Akten seit einigen Jahren nach wissenschaftlichen Methoden aus und versucht, die Entstehung des Bestands zu rekonstruieren.

"Wir haben die Rolle, Beweise zu bewahren"

Nachdem Informationen aus dem Archiv für viele Jahrzehnte nur NS-Opfern, nicht aber der Forschung zugänglich waren, öffnen sich die Arolsen Archives seit 2007 auf allen Ebenen: Wo früher ein abgeschottetes, unzugängliches Archiv ausschließlich seinem Auftrag – der Suche nach und Auskunft über ermordete, verschleppte und ausgebeutete Opfer des NS-Regimes – nachging, will man heute transparent sein und sich in erinnerungspolitische Debatten einmischen. Das Archiv versteht sich als wichtige Stimme in einer polarisierten Öffentlichkeit. "Wir sind dazu da, Demokratie zu vermitteln", sagt Archivleiter Dr. Christian Groh. Das Selbstbewusstsein von Archiven habe sich grundlegend gewandelt, so Groh. Man sehe sich durchaus als aktiver Part im politischen Diskurs. Das gelte ganz besonders für die Arolsen Archives mit ihren brisanten Inhalten. "Wir haben die Rolle, Beweise zu bewahren", sagt Direktorin Floriane Azoulay. "Das ist wichtig in einer Zeit, in der es immer weniger Zeugen für den Holocaust gibt und immer mehr Revisionismus."

Zur Wandlung des Archivs gehört auch, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler endlich den enormen Aktenschatz systematisch studieren können. Weitgehend unerforschte Quellen über das mörderische System der Konzentrationslager warten auf ihre Auswertung. Auch die Zwangsarbeit im NS-Staat in unzähligen Firmen ist noch lange nicht aufgearbeitet, ebenso wie die DP-Dokumente der Nachkriegszeit. Hier wird schmerzlich klar, was das früher fest verschlossene Archiv an Lücken in der Wissenschaft schuf. Ab den 1990er-Jahren erhöhten Opferverbände, Universitäten und Gedenkstätten den Druck und forderten endlich freien Zugang. "Täterschutz" oder Verhinderung der Aufarbeitung der NS-Geschichte lauteten die Vorwürfe.

Ein institutionelles Archiv des Grauens

Als vor knapp zehn Jahren endlich das erste Treffen internationaler Forscherinnen und Forscher in Bad Arolsen stattfand, sagte Konrad Kwiet, ehemaliger Chefhistoriker der australischen Kommission zur Untersuchung von Kriegsverbrechen: "Hier findet sich die Geografie des Holocaust, eine Art institutionelles Archiv des Grauens." Paul Shapiro vom Holocaust Memorial Museum in Washington, ein jahrelanger Mahner für die Öffnung des Archivs, äußerte sich in der Süddeutschen Zeitung erleichtert über die radikale Kehrtwende des ITS: "Die Holocaust-Forschung ist immer noch ein riesiges Puzzlespiel – hier liegen entscheidende Teile davon." Manches Stereotyp der Geschichtsschreibung könne durch die Unterlagen korrigiert werden.

Archivmagazin
Im Magazin der Arolsen Archives lagert unter anderem die Zentrale Namenkartei. © Arolsen Archives, Johanna Groß

Mit der Öffnung für die Forschung veränderte sich auch der Blick auf die Akten. Knapp 70 Jahre waren sie Arbeitsmaterial, doch sind die originalen Dokumente auch Kulturgut, das geschützt werden muss. Von nicht fachgerechter Lagerung über Säurefraß bis hin zu Schäden durch früher übliche Schutzmaßnahmen wie Laminierungen reichen die Probleme. Dringliche Restaurierungen wurden identifiziert. Sowohl Modellprojekte zur Sicherung von Plänen der Konzentrationslager oder Rekonstruktionen der sogenannten Todesmärsche als auch Projekte zur Massenentsäuerung von Aktenbeständen haben bereits stattgefunden.

In Ausstellungen wie #StolenMemory, die national und international an verschiedenen Orten Station macht, vermittelt das Archiv nicht nur sein Wissen um die persönlichen Geschichten von NS-Opfern, sondern auch um das Leben von Familien in der Emigration oder nach der Rückkehr in die Heimat. "Wir haben nicht nur Informationen über die schreckliche Vergangenheit", sagt Direktorin Floriane Azoulay, "wir können auch darüber berichten, was die Überlebenden geleistet haben und wie Familiengeschichten weitergingen nach dem Holocaust. Wir wollen Geschichten von Mut und Resilienz erzählen und mit unserem historischen Wissen auch aktuelle Debatten, beispielsweise zur Migration, bereichern."

30 Millionen Dokumente ohne Zugangsbeschränkung

Floriane Azoulay liegt besonders am Herzen, junge Menschen in Deutschland und weltweit zu animieren, sich für die Schicksale von NS-Opfern zu interessieren. Kooperationen mit Schulen sind entstanden, in deren Rahmen Schülerinnen und Schüler selbst im Archiv die Schicksale von verfolgten Jugendlichen im Nationalsozialismus recherchieren. Im Online-Archiv werden nach und nach, bis auf wenige Ausnahmen wie Krankenakten, alle 30 Millionen Dokumente zugänglich gemacht, ohne jede Zugangsbeschränkung. Das hat dem Archiv auch Kritik wegen der angeblichen Verletzung von Persönlichkeitsrechten von NS-Opfern eingebracht. Doch Azoulay hat sich nach Jahren der Archivabschottung durch ihre Vorgänger für die volle Transparenz entschieden. Bisher habe man gute Erfahrungen gemacht, ein Missbrauch der Dokumente sei noch nicht vorgekommen.

Floriane Azoulay
Floriane Azoulay, die Direktorin der Arolsen Archives. © Arolsen Archives

Doch auch im digitalen Raum müssen Dokumente erklärt werden, will die Vermittlung begleitet sein. Nutzerinnnen und Nutzern wird eine kritische Distanz zu vielen der Akten empfohlen: „Fast alle Dokumente im Zusammenhang mit Konzentrationslagern sind Täterdokumente. Das heißt, die Nationalsozialisten in den KZ-Verwaltungen erstellten und nutzten sie. Vor allem ihre Angaben zu körperlichen Merkmalen der Insassen oder zum Grund für die Haft sind entsprechend rassistisch und entwürdigend. Informationen aus den Dokumenten sind also äußerst kritisch zu sehen“, heißt es im Online-Portal. Im Mai 2019 ging die komplexe Plattform online. In den ersten sechs Wochen haben bereits 140.000Menschen die Online-Suche genutzt. Das bestärkt das Archiv im Ausbau der digitalen Tools. Insbesondere die automatische Texterkennung wird immer weiter verbessert.

Licht ins Schicksal der Familie bringen

Wer möchte, kann aber weiterhin persönlich nach Bad Arolsen reisen. Angehörige von NS-Opfern kommen fast täglich, erhalten wie Tauba Orenbach Zugang zu den Unterlagen. An Orenbachs Seite an diesem Tag ist ihre Freundin Bärbel Thierkopf aus Hannover. Thierkopf hatte den ersten Kontakt zu den Arolsen Archives wegen
ihrer eigenen Familiengeschichte geknüpft. Dass sie eine Tragetasche voll mit Unterlagen über ihre Familie mit nach Hause nehmen würde, damit hatte Thierkopf allerdings nicht gerechnet, als sie am 15. Juli 2019 in den Arolsen Archives ihre Anfrage startete. Da eine Reise zu ihren Cousinen in Israel schon im September anstand, beeilte sich das Team um Małgorzata Przybyła: Zahlreiche Dokumente über die Familie, Fotos der Eltern, Selbstauskünfte des Vaters Lipek wurden in den Arolsen Archives gefunden. Denn Lipek Kilberg hatte sich, eine Überraschung für die Tochter, bereits 1949 an den ITS gewandt, um seine Schwester zu finden – was damals glücklicherweise gelang.

Personenakten
In Anträgen auf Emigrationshilfe mussten Displaced Persons Angaben zu aktuellen Lebensumständen machen. © Arolsen Archives

Von den neun Geschwistern hatten nur drei überlebt: Chaim und Hela waren nach der Befreiung aus dem KZ aus Deutschland ausgewandert, Lipek musste aus gesundheitlichen Gründen mit seiner Familie zurückbleiben. Bärbel Thierkopf wurde 1948 in Lutzhorn bei Pinneberg geboren. Kaum etwas hatten die Eltern über ihr Schicksal im Dritten Reich erzählt, berichtet Thierkopf. Der Weg der Familie, anfangs im polnischen Ghetto, danach durch die Konzentrationslager Auschwitz, Buchenwald, Dora und Bergen-Belsen wird in den Akten des ITS nachvollziehbar. Wertvolle Informationen für Bärbel Thierkopf und ihre Cousinen, um Licht in das Schicksal ihrer Familien zu bringen.

Die Arolsen Archives sind heute ein professionelles Archiv. Fast. Denn tatsächlich fehlt noch die wichtigste Voraussetzung dafür: ein modernes Archivgebäude. So lagert der wertvolle Bestand derzeit in einem provisorischen Zwischenarchiv. Archivleiter Groh wartet sehnsüchtig auf einen Neubau, der schon von der
Bundesregierung beschlossen ist. Doch fertige Planungen mussten noch einmal überarbeitet werden. Nun wartet man auf die Freigabe der Ausschreibung. Damit das UNESCO-Weltdokumentenerbe einen geeigneten Ort findet, um zu gedenken, zu erinnern und aufzuklären.