Fünf Fragen an Elias Dray, Rabbi der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg.

Was hat die Sulzbacher Thorarolle nicht schon alles erlebt! Dem Stadtbrand von 1822 und der Reichspogromnacht am 9. November 1938 konnte sie entgehen – das freilich nicht unbeschadet. An einigen Stellen waren kleine Löcher im Pergament. Mit der Zeit waren außerdem die Buchstaben verblasst. Nach der Restaurierung der Schriftrolle in einem KEK-Modellprojekt 2017-2018 wurde sie  am 27. Januar 2021 in einer feierlichen Zeremonie im Deutschen Bundestag anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus der jüdischen Gemeinde Amberg übergeben. Wir haben mit deren Rabbiner über die Geschichte der Thora gesprochen. 

KEK: Die Sulzbacher Thora lag 78 Jahre in einem Schrein versteckt. Was hat Sie 2014 dazu bewegt, ihn zu öffnen?

Elias Dray: Ende 2013 habe ich meine Tätigkeit in der Israelitischen Kultusgemeinde Amberg begonnen. Damals habe ich nachgesehen, welche Thorarollen im Schrein sind, und bin dabei auf diese gestoßen. Ganz wenige Thorarollen haben so eine Inschrift und da war sie eben da. Dann habe ich den Stadtheimatpfleger kontaktiert, der die Geschichte der Sulzbacher Thorarolle rekonstruieren konnte.

KEK: In welchem Zustand war die Thorarolle zu diesem Zeitpunkt?

Elias Dray: Die Schrift war sehr verblichen. Um aus der Thorarolle lesen zu können, muss sie schwarz sein. Es war aber ein rötlich helles Braun fast die ganze Schrift durch. Außerdem waren bestimmte Teile des Pergaments stark beschädigt, sodass die Schrift ganz weg war und es auch kleine Löcher gab.

Elias Dray mit Thora
Elias Dray präsentiert die restaurierte Thorarolle in der Amberger Synagoge. © privat

KEK: Was waren die Besonderheiten der Restaurierung?

Elias Dray: Natürlich war es sehr viel Arbeit, all diese Buchstaben wieder nachzufahren, schließlich sind es über 300.000. Dann mussten die Löcher mit neuem Pergament unterbunden werden. Es ist sehr, sehr aufwändig, das so hinzubekommen, dass man wieder einen Gottesdienst aus dieser Thora lesen kann.

KEK: Wie schwierig war es, die Provenienz des Schriftstücks zu rekonstruieren?

Elias Dray: Es war so, dass der Stadtheimatpfleger schon sehr viele Informationen hatte und sich gut auskannte. Dadurch konnten wir feststellen, dass es diese Thorarolle war, die 1938 im Heimatmuseum von Herrn Oberlehrer Döppel versteckt und nach dem Krieg durch den Amberger Bürgermeister wieder an die jüdische Gemeinde zurückgegeben worden ist. Es war natürlich sehr wichtig, dass wir einen Heimatpfleger haben, der sich sehr mit der jüdischen Geschichte beschäftigt hat und diese dadurch rekonstruieren kann.

KEK: Was bedeutet die Thorarolle für Sie persönlich?

Elias Dray: Ich sehe diese Thorarolle als ein wichtiges Symbol jüdischer Geschichte in Deutschland. Man sieht hier in verschiedenen Zeitepochen, dass Leute sich eingesetzt haben, um diese Thorarolle in ganz schwierigen Situationen zu erhalten. Sie ist damit auch ein großes Symbol für das Überleben des jüdischen Volkes trotz Verfolgung und Unterdrückung.