Acht Fragen an Bill Landsberger vom Rathgen-Forschungslabor – Staatliche Museen zu Berlin.

Papier ist nicht nur Informationsträger, sondern auch Nahrungsgrundlage. Käfer, Silberfischchen und Mäuse sind nur einige der Tiere, die gern an schriftlichem Kulturgut in Archiven, Bibliotheken und Museen knabbern. Um Fraßschäden und Verschmutzung vorzubeugen, sollte jede Einrichtung über eine Strategie zum Integrated Pest Management (IPM) verfügen. Ein Experte auf dem Gebiet ist Bill Landsberger vom Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Aktuell untersucht der Entomologe die genetische Variabilität von Papier- und Geisterfischchen. Wir haben mit Landsberger darüber gesprochen, wie man verhindern kann, dass Schädlinge ins Magazin Einzug halten.

KEK: Schädlinge im Magazin oder Depot sind sicherlich der Albtraum aller Bestandserhalter·innen. Mit welchen Insekten und Nagern haben Sie es vorwiegend zu tun?

Bill Landsberger: Das ist immer relativ zu sehen. Aus Erfahrung behaupte ich, kein Museum oder Sammlungsgebäude dieser Welt ist schädlingsfrei. Wir leben nun mal nicht in einer sterilen Umgebung, auch nicht im Museum. Jedoch bei Schädlingsvorkommen in Panik zu verfallen, führt selten zu guten und nachhaltigen Entscheidungen, damit umzugehen. Und Angst macht ja nur, was man nicht gut kennt. Daher setzen wir bei der SPK auf ein Programm des integrierten Schädlingsmanagements (Integrated Pest Management, IPM), um im Falle eines Falles gut vorbereitet zu sein, mit Wissen der Schädlingsbiologie richtig ableiten zu können, welches Schädigungspotential von einer bestimmten Schädlingsart ausgehen kann und wie am besten dagegen vorzugehen ist. Der Schwerpunkt im IPM liegt jedoch auf der Prävention von Schädlingsbefall, sodass es gar nicht erst zu Problemsituationen kommen sollte. Im Alltag des IPM beschäftigen uns allermeist hochspezialisierte Insektenarten, die besonders gut angepasst und damit sehr konkurrenzstark unter den eher lebensfeindlichen Bedingungen in Archivmagazinen oder Museumsdepots überdauern und sich entwickeln können. Dazu zählen kosmopolitische Arten wie Kleidermotten, Brotkäfer, Papierfischchen, Teppichkäfer, Nage- und Splintholzkäfer oder Trockenholztermiten. Genaugenommen ist es eine recht überschaubare Anzahl von Arten, die mehr oder minder einheitlich in den Museen und Archiven weltweit vorkommt und vor sehr ähnliche Herausforderungen stellt. Hausmäuse und Wanderratten können vergleichsweise besonders erheblichen Schaden in nur wenigen Tagen anrichten, wenn sie unbemerkt bleiben. Da sie naturgemäß ihre Schneidezähne häufig wetzen müssen, zerstören sie dabei auch Materialien wie Archivalien und Bibliotheksbestände, die sie als Nahrung nicht verwerten können.

Papierfischchen
Papierfischchen hinterlassen charakteristische Fraßspuren an Schriftgut. © Simon Schmalhorst

KEK: Welche Schäden können speziell an Schriftgut entstehen?

Bill Landsberger: Papier, das heißt aus Schädlingssicht Cellulose, kann nur von wenigen Schädlingsarten als Nahrungsquelle erschlossen werden. Wenn aber Silber- und Papierfischchen einige Zeit die Papieroberflächen beweiden und so mit ihrem Schabefraß dünne Schichten abtragen, können Text und damit Information oder Illustrationen ausradiert werden. Bei fortgeschrittenem Fraß entstehen dann Löcher im Papier.

KEK: Wie werden Tiere und andere Organismen, wenn sie sich einmal im Magazin oder Depot eingenistet haben, wieder aus ihm verbannt?

Bill Landsberger: Ein permanentes Monitoring für Schaderreger ist im IPM wesentlich. So werden zum Beispiel Klebefallen für Insekten systematisch aufgestellt und regelmäßig ausgewertet. Zeichnet sich ein Schädlingsvorkommen ab, kann dieses Monitoring zunächst noch intensiviert werden, um die Quelle des Befalls zu lokalisieren. Damit ausfindig gemachte Objekte werden isoliert und gegen den Befall behandelt. Das bedeutet in unserem IPM eine thermische Behandlung bei -30 °C über sechs Tage oder Sauerstoffentzug mittels Stickstoffgas für drei Wochen. Im Nachhinein sollte dann geklärt werden, wie es zu einem Befall kommen konnte, um Ursachen beseitigen und Wiederholungen abwenden zu können. Ein Überprüfen und eventuell Anpassen der raumklimatischen Bedingungen sowie die Suche nach Lücken in der Raum- oder Gebäudehülle gehören zu allererst dazu. Wenn für bestimmte Schädlingsarten natürliche Gegenspieler verfügbar sind, können diese Nützlinge im IPM zur biologischen Bekämpfung ausgebracht werden. Für Kleidermotten, den Gemeinen Nagekäfer, Brotkäfer und einige Speckkäferarten ist das möglich. Für viele andere Schadinsekten sind Nützlinge bisher leider nicht kommerziell verfügbar.

KEK: Auch in diesem Bereich gilt sicherlich der Spruch: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Wie sollte ein wirksames Integrated Pest Management konzipiert sein?

Bill Landsberger: Idealerweise kämen alle eingehenden Bestände, seien es rückgeführte Leihgaben, neue Erwerbungen oder übernommene Nachlässe, in Quarantäne beziehungsweise würden eine vorsorgliche Behandlung erfahren. Gleiches sollte für Transport- und Verpackungsmaterialien gelten, die im Depot verbleiben sollen. Das ist in der Praxis nur kaum konsequent umzusetzen. Daher ist Früherkennung durch intensives Monitoring besonders wichtig. IPM ist dabei als Teamsache aufzufassen, mit Bewusstseinsbildung und Information für alle Mitarbeitende.

Schlupfwespe
Winzige Schlupfwespe zur Bekämpfung von Nagekäfern. © Bill Landsberger, Rathgen-Forschungslabor

KEK: Wie funktioniert das tägliche Monitoring?

Bill Landsberger: "Augen auf" ist das Motto. Ansonsten sollten die Stellen im Monitoring vierteljährlich kontrolliert und ausgewertet werden. Damit können auch saisonale Schwankungen ermittelt werden. Mit etwas Erfahrung lässt sich schnell erfassen, ob es Veränderungen zum Normalzustand gibt. Denn wie gesagt, kein Museum ist schädlingsfrei. Das ist nicht anzustreben. Jedoch sollte ein gut funktionierendes Monitoring aufdecken, ob Schädlingsbefall droht und ob ergriffene Gegenmaßnahmen Wirkung zeigen.

KEK: Nun geht der gesellschaftliche Trend weg von der Chemie und hin zu umweltverträglicheren Mitteln. Wie häufig werden Pestizide noch bei der Schädlingsbekämpfung eingesetzt?

Bill Landsberger: Die konventionelle Schädlingsbekämpfung setzt nach wie vor auf die unter Umständen unablässige Behandlung der Symptome, das heißt der auftretenden Tiere mit chemischen Mitteln, ohne eine genauere Betrachtung der Ursachen. Ein IPM hingegen will durch das geschickte Kombinieren verschiedener physikalischer und biologischer Verfahren ohne Pestizide auskommen. In den vergangenen zehn Jahren seit Einführung des IPM bei der SPK musste davon nicht abgewichen werden.

KEK: Seit 2016 formuliert die DIN ISO 16790 verbindliche Standards im Bereich IPM. Was sind die wichtigsten Eckpunkte der Norm?

Bill Landsberger: Diese Europäische Norm will mehr ein politisches Dokument als eine Handlungsanweisung für IPM in der Praxis sein. Es hat einige Jahre internationaler Zusammenarbeit der Fachkolleg·innen gebraucht, hier die wesentlichen Aspekte knapp auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Die Norm kann aber als Grundlage für vertragliche Vereinbarungen mit Externen oder für Dienstvereinbarungen innerhalb von Einrichtungen dienen. Sie spiegelt die wichtigsten Grundsätze des IPM zum Schutz des kulturellen Erbes und regelt Verantwortlichkeiten.

Geisterfischchen unter dem Mikroskop
Geisterfischchen (Ctenolepisma calva) auf einer Klebefalle im Archäologischen Zentrum Berlin. © Bill Landsberger, Rathgen-Forschungslabor

KEK: Die Veränderung klimatischer Bedingungen hat großen Einfluss auf das Auftreten und die Verbreitung von Schädlingen. Wie wichtig ist IPM mit Blick auf die Zukunft?

Bill Landsberger: Es ist nicht zu leugnen, dass sich auf der Erde ein Klimawandel vollzieht. Einige Schädlingsarten rücken nach Norden vor, was durch eine ansteigende Umgebungstemperatur und durch das Überwinden geographischer Barrieren mittels interkontinentaler Warenströme begünstigt wird. Ein passendes Beispiel stellen Papierfischchen dar, die erst seit wenigen Jahren in Mitteleuropa invasiv Innenräume von Gebäuden besiedeln, im Freiland jedoch nicht vorkommen. Von deutlich größerer Tragweite erweist sich aber ein Komfortklimawandel in den Museen und Archiven. Denn im Vergleich ist heute die Innenraumtemperatur viel höher und die relative Luftfeuchtigkeit niedriger als noch vor 50 Jahren. Das wirkt sich auf die Geschwindigkeit der Vermehrung und die Artenzusammensetzung bei Museumsschädlingen aus. Deshalb bleibt IPM spannend, sieht sich immer wieder neuen Herausforderungen gegenüber und der Bedarf an nachhaltiger Schädlingskontrolle nimmt spürbar zu, wenn vor kurzem bei uns noch weitestgehend unbekannte Arten wie der Australische Teppichkäfer, der Braune Pelzkäfer, der Braune Nagekäfer oder Geisterfischchen anklopfen.