Fünf Fragen an den Fotografen Jörg F. Müller. 

Für das Europäische Kulturerbejahr 2018 hat die KEK in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) einen Fotokalender mit Motiven aus der Modellprojektförderung produziert. Der Berliner Fotograf Jörg F. Müller setzte sich im Zuge dieser Produktion intensiv mit der Ablichtung von Tagebüchern, Urkunden oder Architekturplänen auseinander. Wir haben ihn nach seinen Eindrücken und natürlich auch zu den Techniken befragt, die hierbei angewandt wurden.   

KEK: Als Fotograf nehmen Sie unterschiedliche Ausschnitte unserer Wirklichkeit vor die Linse: Veranstaltungen, Gebäude oder auch Personen. Wie würden Sie die Besonderheiten beim Fotografieren von schriftlichem Kulturgut beschreiben? 

Müller: Nüchtern betrachtet erscheint das Fotografieren von alten Schriften ein üblicher fotografischer Arbeitsablauf zu sein. Je nach Aufgabenstellung ergibt sich daraus die notwendige Planung für den technischen Aufbau und der anschließenden Realisierung der Aufnahmen des entsprechenden Objekts. Tritt man jedoch bei diesen Motiven einen Moment innerlich etwas zurück – vorausgesetzt Zeit und Aufnahmebedingungen erlauben dies – kann in einem etwas ganz anderes, Neues entstehen, das sich von der rein fotografischen Tätigkeit abhebt. Sie halten vergegenständlichte Zeit, materialisierte Geschichte in ihren Händen; Werke, die zum Teil mehrere hundert Jahre alt sind. Wenn wir uns das bewusst machen, können wir uns in eine Zeitreise denken. Lässt man zudem die jeweiligen historisch wissenschaftlichen Einordnungen außen vor, können sich ganz neue Fragen ergeben: Wer war dieser Mensch, der diese Schriften erstellte? Hatte er nur im Geringsten eine Vorstellung von der Dauer seines Werks? War er nur ein schriftkundiger Handwerker, privilegiert mit diesen sicherlich teuren Materialien zu arbeiten? Man wird es meist nie erfahren, aber ein Gefühl für die Bedeutung dieser Werke wird mit übertragen. Es sind glückliche Umstände, die uns heute diesen Blick zurück ermöglichen.

Pergamenturkunde
Eine Pergamenturkunde aus dem Bestand der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek – Niedersächsische Landesbibliothek Hannover.© Jörg F. Müller

Dieses Gefühl entsteht selbstverständlich nicht bei allen Objekten, die ich fotografiert habe. Doch Respekt – man könnte es auch Ehrfurcht nennen – schwingt irgendwie häufig mit. Auch ich befinde mich in einer privilegierten Situation: Ich habe direkten Kontakt mit einem Teil der Geschichte; unverschlossen, nicht hinter Glasvitrinen oder in gesicherten Räumen, stattdessen direkt vor mir. Im besten Falle kann ich es anfassen, drehen, betrachten, es ins beste Licht rücken. Dies geschieht häufig dann, wenn es sich nicht nur um eine reine Reproduktion handelt, sondern mir die Aufgabenstellung Raum zur Interpretation lässt.

KEK: Beim Fotografieren von Originalen wie Urkunden oder Akten werden diese analogen Objekte in die digitale Welt übersetzt. Mit welchen Mitteln arbeiten Sie, um bei diesem Vorgang die Materialität einzufangen? 

Müller: Ich denke, es ist heutzutage genauso wie in den "fotografischen Zeiten" zuvor. Es wird versucht, die möglichst beste Technik einzusetzen, um das Objekt dementsprechend zu reproduzieren. Wir sind heute mittels der digitalen Fotografie in der Lage, ein Objekt derart perfekt und detailgetreu wiederzugeben, wie es in der analogen Fotografie nicht denkbar war. Vielleicht denkt man in 20 bis 30 Jahren dasselbe über unsere Aufnahmetechniken von heute? Zur Wiedergabe der Materialität gehört neben der hochauflösenden Kameratechnik vor allem auch ein farbverbindlicher Workflow. Beides ermöglicht dem späteren Nutzer einen präzisen Blick auf das Objekt. Ist der Gestaltungsspielraum, d.h. die Aufgabenstellung hinsichtlich der Fotografien freier – handelt es sich nicht nur um die reine Reproduktion –, dann ist der Einsatz und die Auswahl des Lichts der entscheidende Faktor, um die Materialität herauszuarbeiten. Hochauflösende Kameras, schön gesetztes Licht, ermöglichen dann sogar einen quasi mikroskopischen Blick auf die Fasern des Papiers, dem Tintenauftrag oder die Struktur des Einbands.

Fotoshooting
Lichtaufbau beim Fotoshooting für den Kalender zum Europäischen Kulturerbejahr 2018. © Jörg F. Müller

KEK: Welche Rolle spielt für Sie als Fotograf der Originalerhalt?

Müller: Grundsätzlich ist natürlich der Erhalt von Kulturgut, nicht nur der des schriftlichen, von Bedeutung. Der Name "schriftliches Kulturgut" ist ja schon Programm. Es ist ein Teil einer kulturellen Kontinuität, quasi ein Glied in der Bewahrungskette und unverzichtbar für zukünftige Generationen. Die Rolle der Fotografie – insbesondere die digitale – ist für mich zwiespältig. Bietet sie einerseits die Möglichkeit, das kulturelle Erbe in hervorragender Qualität nahezu jedem zugänglich zu machen, ist ihre Zukunft, ihr Erhalt, sehr fragwürdig, im besten Falle fragil. Es sei denn, die digitalen Daten werden wieder in die analoge Welt überführt, sprich: Man druckt sie aus. Datensicherheit über Zeiträume wie diese, die die fotografierten Bücher hinter sich gebracht haben, ist derzeit doch noch mehr reine Wunschvorstellung. Wer weiß, ob in 100 oder 500 Jahren, jemand diese digitalen Werke nutzen, geschweige denn lesen kann? Und wenn ja, kann er dann auch ähnliche Bezüge herstellen, wie vorhin schon angesprochen? Oder haben sich die Rezeptionsweisen bis dahin vielleicht derart verändert, dass das Original, das haptische Erlebnis, sogar obsolet ist? Wir nähern uns dem äußeren Bild des Originals nahezu hundertprozentig an, seine Stofflichkeit fehlt jedoch – und der Erhalt dieser digitalen Kopie für die Nachwelt scheint fraglicher zu sein als der Erhalt des Originals.

KEK: Schriftstücke erzählen oft ihre ganz eigenen Geschichten. Gibt es ein Objekt, das Ihnen nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist?

Müller: Ich denke, es war die Handschrift von Jakob Böhme: Unterschiedlichste Handschriften von diversen Schreibern erstellt; verschiedenfarbige Tinten, deren Bedeutung sich mir nicht erschließt; Textpassagen, die auf eine Gedanken- und Glaubenswelt hinweisen, die mir so entrückt erscheint, gleichzeitig jedoch heutzutage durchaus ihre Entsprechung findet. Wer waren diese Schreiber? Welchen Druck hatten sie, z. B. fehlerfrei zu schreiben, besonders bei den Glaubenssätzen, die sie auf das Papier brachten? Es schien mir, als säße der Satan persönlich auf ihren Schultern und nur die Worte, die sie mit goldener Tinte auf das Papier brachten, schafften Erleichterung. Sieht man sich zusätzlich die Details an, wie die bereits erwähnten Fasern des Papiers mit den unterschiedlichsten Tinten, dann beginnt das Kopfkino.

Handschrift
Die Handschrift Jakob Böhme, eine Abschrift Theosophischer Sendschreiben von Johann Wilhelm Überfeld (1659–1732). © Jörg F. Müller

KEK: Wie könnten diese Schriften und andere historische Dokumente aus Ihrer Sicht noch besser zugänglich gemacht werden?

Müller: Indem z. B. solche Fotografien, von denen ich sprach, auf den Computern der Bibliotheken dem Publikum zur Verfügung gestellt werden. Es sollte die Möglichkeit geboten werden, in diese hochaufgelösten Bilder einzutauchen, um vielleicht wieder staunen zu können, wie einst bei dem Anblick einer Daguerreotypie.