Sechs Fragen an Sigrid Puntigam, Kunsthistorikerin und Leiterin des Projektes "Mecklenburgischer Planschatz" bei den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern.

In Bibliotheken und Archiven schlummern wahre Schätze, die darauf warten, entdeckt zu werden und an das Licht der Öffentlichkeit zu gelangen. Mit dem Mecklenburger Planschatz ist dies 2011 als echte Sensation gelungen: Rund 600 Architekturpläne aus dem 18. Jahrhundert wurden wiederentdeckt. Dokumente, die den europäischen Kultur- und Wissenstransfer verdeutlichen. Der geschlossene Sammlungsbestand aus der ehemals herzoglichen Bibliothek illustriert außerdem die historische Rolle von Bibliotheken als Wissensspeicher und Ausbildungsstätten. Wir sprechen mit der Kunsthistorikerin Sigrid Puntigam, die den Planschatz in der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern aufspürte und ein mehrjähriges Forschungsprojekt zu seiner Erschließung leitet.

KEK: Der Ausstellung "Schatz entdeckt!" war in diesem Jahr im Staatlichen Museum Schwerin zu sehen. Wie ist sie entstanden? Wie groß war der zeitliche Vorlauf? 

Puntigam: Der Ausstellung "Schatz entdeckt" vorausgegangen ist ein mehrstufiges Forschungsprojekt, das sich über sechs Jahre erstreckte. Bereits 2011 war das Planschatz-Vorhaben Modellprojekt der KEK. Mit Mitteln der KEK und unter restauratorischer Aufsicht erfolgte in der ersten Projektstufe von 2012 bis 2013 die Restaurierung und Digitalisierung des Planschatzes nebst wertvollen Wandkarten des 17. und 18. Jahrhunderts aus der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. Um Aussagen und Zuschreibungen präzisieren zu können, wurden parallel dazu Wasserzeichen aufgenommen und dokumentiert. Auch die wissenschaftliche Erschließung und Inventarisierung des Bestandes wurde fortgeführt. Die zweite Projektstufe konzentrierte sich auf die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung und mündete 2015 in dem Symposium "Mecklenburgischer Planschatz". Hier präsentierten Experten in vier Sektionen ihre Ergebnisse erstmalig der wissenschaftlichen Fachwelt. Mit der Ausstellung "Schatz entdeckt" der Staatlichen Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, zu der auch ein Begleitheft erschien, wurde die Sammlung im Frühjahr 2018 schließlich der Öffentlichkeit vorgestellt. Die Pläne werden dauerhaft in dem Architekturportal der Deutschen Fotothek Dresden, im Internet und in den Europeana Collections zugänglich sein. Die Publikation eines zweibändigen Katalogs – bestehend aus einem Essayband und einem Bestandskatalog – wird das Projekt beschließen.

Gartenplan
Grundriss des bischöflichen Schlosses und Gartens in Eutin aus dem Jahr 1749. © Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern Günther Uecker

KEK: Was sind die wesentlichen Erkenntnisse Ihrer Forschungen zum Planschatz?

Puntigam: Als ein singuläres Merkmal dieses Sonderbestandes der Bibliothek möchte ich seine über 200-jährige Unberührtheit nennen. Diese Einmaligkeit gewährt einen Einblick in die Bau- und Repräsentationspolitik und Entwurfs- und Planungspraxis eines protestantischen Territoriums aus der Sicht der Herzöge und ihrer Architekten, ebenso wie die Orientierung und Einordnung in ein überregionales und internationales Netzwerk, der in anderen Sammlungen nicht mehr nachvollziehbar ist. Waren die Bauprojekte und Konzeptionen, die der Planschatz spiegelt, damals zwingend und identitätsstiftend für Mecklenburg, so ist er auch heute als identitätsstiftender Kulturschatz des Landes von unermesslicher Bedeutung.

KEK: Im Bestand befinden sich zahlreiche wertvolle Pläne aus ganz Europa. Wie groß war damals die europäische Vernetzung und wie wichtig war der Austausch von Kunst und Kultur, Moden und Wissen?

Puntigam: Der europäische Kultur- und Wissenstransfer wird in dem Konvolut durch die beachtlichen, hochwertigen überregionalen und internationalen Bestände erkennbar, die die unerlässliche Vernetzung und den Austausch der dynastisch verbunden Höfe belegen. In einem System, das Herrschaftsrepräsentation, also die architektonische Darstellung von Rang und Status verlangte, waren europaweite Orientierung, ständiger Vergleich und Konkurrenz an der Tagesordnung. Ebenso bezeugen die Kavalierstouren der Herzöge durch Europa, die Bildungsreisen und die Ausbildung der Architekten in internationalen Kunstzentren wie Rom und Paris, aber auch die Bibliothek als enzyklopädische Sammlung des Weltwissens als unersetzliche Quelle der Inspiration und Erfahrung den international bestehenden Horizont und Wissenstransfer.

Karte
Detail einer Europakarte mit Aufstellern. © Sandra Ewers

KEK: Welche Bedeutung hat der Mecklenburger Planschatz heute? Was wüssten wir ohne ihn nicht?

Puntigam: Der Planschatz bringt einen enormen Material- und Wissenszuwachs für die bislang als Terra incognita geltende Architekturgeschichte Mecklenburgs im 18. Jahrhundert. Er zeigt Wege der Aufnahme, Übernahme und Verarbeitung von Wissen, er spiegelt den Austausch, die Orientierung, Verbreitung und Vermittlung der Baukunst an einem kleinen protestantischen Hof. Die Kollektion erlaubt eine wissenschaftliche Neubewertung und Neupositionierung der mecklenburgischen Architekturgeschichte in der europäischen Kulturlandschaft. Nicht zuletzt haben die Blätter des Planschatzes große praktische Bedeutung für die Restaurierungsarbeiten an historischen Bauten des Landes. Das gilt auch für die von den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern bewirtschafteten Schlossensembles.

KEK: Was spricht für die Vermittlung anhand von Originalen?

Puntigam: Die faszinierenden Raffinessen und die Aura der Originale vermitteln ein Bild vom handwerklichen Können und von den Fertigkeiten der Architekten und Künstler. Die Architekturzeichnungen in ihren unterschiedlichen Formen – vom einfachen Profil und Bauriss bis zum Appetitriss – mit ihren Durchstichen und Nadelungen machen Arbeitsprozesse wie Kopier- und Konstruktionsvorgänge sichtbar, die an Faksimiles und Digitalisaten nicht zu sehen sind. Das haptische Erleben von altem Papier, der Geruch, aber auch die Gebrauchsspuren der Baupläne machen ihre unterschiedlichen Funktionen und Nutzung lebendig, sichtbar und erlebbar. Die ehemalige Bibliothek der Herzöge war mit ihrem miteinander verzahnten Bestand von Kupferstichen, Traktaten und Vorlagenzeichnungen als Inspirationsquelle für die Landesherrn und Hofkünstler von großer Bedeutung. Die Auswirkung lässt sich bis heute im Bauwesen Mecklenburgs ablesen.

KEK: Auch deshalb wurde der Bestand erforscht und präsentiert. Welche Zukunft hat der Planschatz?

Puntigam: Besonders spannend wird die zukünftige Entwicklung der Forschung sein, die auf der bislang zum Mecklenburgischen Planschatz geleisteten Arbeit basieren wird. Mit seiner wissenschaftlichen Rekonstruktion gerieten ja auch die Bestände ins Blickfeld, die mit dem Planschatz auf eine gemeinsame Wurzel – die Plansammlung der Herzöge – zurückgehen. Sie werden heute im Schweriner Landeshauptarchiv und in den Staatlichen Schlössern, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern verwahrt. Diese Bestände wurden zwar bereits für die zu publizierenden Bände des Planschatzes kontextuell erforscht, doch zukünftige wissenschaftliche Untersuchungen dürften das bislang gewonnene Bild weiter vervollständigen und noch manche verblüffende Entdeckung bereithalten.