Vier Fragen an Matthias Frankenstein, Papierrestaurator am Landesarchiv Nordrhein-Westfalen. 

Die Notenhandschriften des Komponisten Maximilian Friedrich von Droste-Hülshoff (1762–1840) zeugen in besonderer Art von der Arbeitsweise des Komponisten. Matthias Frankenstein, Papierrestaurator im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, hat sich im KEK-Modellprojekt intensiv mit den Manuskripten auseinandergesetzt. Als Teil der Santini-Sammlung werden die Autografe in der Diözesanbibliothek Münster verwahrt.

KEK: Die Notenmanuskripte waren in einem schlechten Zustand und mussten für die Nutzung gesperrt werden. Wie genau waren die Originale beschädigt und was war Ihre Aufgabe im Modellprojekt?

Frankenstein: Zunächst stellte die Bindung der Manuskripte ein Problem dar. Ende des 20. Jahrhunderts wurden die Notenblätter in einem Band zusammengefasst – und die vertikal durch das Papier gestochenen Heftungen führten mit der Zeit zu Rissen im Falzbereich. An anderer Stelle wurden die Blätter mit Drahtklammern zusammengeheftet: Bei diesen Klammern hatte schon die Korrosion eingesetzt. Außerdem wurden zum Anleimen des Buchrückens Kunstharzleime angewendet, also Bindemittel, die nicht haltbar sind. Der Einband hat die Manuskripte zwar vor Beschädigungen des Papieres geschützt, diese Bindetechnik ist aber an sich zur Aufbewahrung einzelner Notenmanuskripte ungeeignet. Ein Band kann nie ganz aufgeschlagen werden, ein Öffnungswinkel von 180° ist nicht erreichbar. Das Hadernpapier selbst war hingegen in einem guten Zustand und wies lediglich Oberflächenstaub und kleine Risse an den Papierkanten auf.

Musikalie in Mappe
Aufklappbare Korrekturzettel an der "Missa I. in C" von Maximilian von Droste-Hülshoff. © Diözesanbibliothek Münster

Besonders spannend an dieser Restaurierung waren die Korrekturen. An der Handschrift SANT HS 1379, "Missa I in C", wurden zum Beispiel die Stimmen für "Clarino Primo" und "Secondo", also für die 1. und 2. Barocktrompete, ausgebessert. Dabei wurden für 14 Takte kleine Korrekturzettel erstellt, die der Notenhandschrift in Papier und Notenbild ähnlich waren. Mit kupfernen Nadeln wurden diese schließlich an die Stellen angeheftet, die korrigiert werden mussten. Diese Nadeln hatten aber für leichten, beginnenden Kupferfraß an den Einstichen gesorgt.

KEK : Mit welchen Techniken haben Sie das Original gesichert?

Frankenstein: Das Ziel der Behandlung war es, den Originaleindruck der Korrekturen möglichst beizubehalten. Dies haben wir in gemeinsamer Absprache mit der Diözesanbibliothek Münster und dem Musikwissenschaftler Prof. Dr. Jürgen Heidrich (WWU Münster) festgelegt. Demnach sind die Handschriften wieder ausgebunden, die Oberflächen mit Latexschwämmen gereinigt und Risse mit Japanpapier und Weizenstärkekleister geschlossen worden. Die Nadeln wurden entfernt, um die voranschreitende Wechselwirkung zwischen Metallnadeln und Papier zu stoppen. Die veränderten Takte in den Trompetenstimmen sollten sowohl in der ursprünglichen als auch in der Korrekturfassung sichtbar bleiben. Hierfür habe ich die kleinen Papierstücke mit einem unsichtbaren Japanpapierfälzel an der Oberseite der Papierkante an exakt den gleichen Stellen mit Weizenstärkekleister montiert. So lassen sich jetzt beide Varianten durch Auf- und Zuklappen lesen. Die Lagerung wurde schließlich ebenfalls optimiert: Jede einzelne Stimme wird jetzt in einer alterungsbeständigen Mappe aus glattem Karton aufbewahrt und mit am Rücken angebrachten Registerreitern erkennbar. Auf der Innenseite der Klappkassette listet eine aufgebrachte Konkordanz die einzelnen Stimmen mit der entsprechenden Registernummer auf. Somit ist der gezielte Zugriff auf einzelne Stimmen gewährleistet.

KEK: Gibt es beim Restaurieren von Notenhandschriften besondere Herausforderungen im Unterschied beispielsweise zu einer literarischen Handschrift? 

Tintenfraß
Ein typisches Beispiel für Tintenfraß. © Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz

Frankenstein: Oft weisen Notenhandschriften aus dieser Zeit den sogenannten Tintenfraß auf. Das liegt zum einen an der Eisengallustinte selbst, welche aufgrund ihres enthaltenen Eisenvitriols, dem Eisen(II)-sulfat, mit Wasser in der Luft zur Bildung einer Schwefelsäure neigt und damit das Papier angreift. Zum anderen sind gerade die Notenköpfe der Viertel-, Achtel- und Sechzehntelnoten mitunter satt mit Tinte ausgefüllt. Je intensiver Eisengallustinte aufgetragen wurde, desto stärker ist das Schadensphänomen. Bei den Handschriften von Max von Droste-Hülshoff war dies allerdings nicht der Fall: Hier wurden sowohl die Zusammensetzung als auch der Auftrag der Tinte in einem guten Verhältnis vorgenommen.

KEK: Was sind für Sie – aus Sicht eines Papierrestaurators – heute die größten Herausforderungen bei der Überlieferungssicherung von schriftlichem Kulturgut?

Frankenstein: Die Weiterentwicklung von Mengenverfahren zur Erhaltung von Papier stellt aus meiner Sicht eine große Herausforderung dar. Restauratorische Lösungen für Einzelobjekte lassen sich in wenigen Fällen auf größere Stückzahlen übertragen. Allerdings sind die konzeptionelle Herangehensweise und die damit verbundenen Fragen zur Tiefe der Behandlung viel wichtiger. Konkret geht es um die Fragen: Wo liegt die Grenze einer Konservierung – ist diese erreicht, wenn alle fortschreitenden Schäden behoben sind? Oder wie viel Restaurierung ist nötig, um das Ziel der Benutzungsfähigkeit zu erreichen? Auf diese Fragen gilt es vor allem noch Antworten zu finden, um die erforderlichen Standards zu bilden, die im Mengenbereich noch gebraucht werden.