Am 6. November haben wir zur öffentlichen Tagung "Originale erhalten: 10 Jahre Bundesweite Handlungsempfehlungen" in der Staatsbibliothek zu Berlin eingeladen. Im Zentrum der Veranstaltung standen die kulturpolitischen, strukturellen und fachlichen Entwicklungen im Bereich der bundesweit koordinierten Sicherung von schriftlichem Kulturgut in Archiven, Bibliotheken und anderen Gedächtniseinrichtungen. Seit Veröffentlichung der "Bundesweiten Handlungsempfehlungen" als erste sparten- und länderübergreifenden Gesamtstrategie im Jahr 2015 wurden vielfach Erfolge erzielt – gleichzeitig stehen die Einrichtungen weiterhin vor großen Herausforderungen. Daher nahm die Tagung gezielt auch strategische Weiterentwicklungen mit dem Horizont "Originalerhalt 2035" in den Blick.
Die "Bundesweiten Handlungsempfehlungen" können hier heruntergeladen werden:
Im Bundesweiten Expert∙innennetzwerk haben wir 2025 Statusabfrage durchgeführt, um zehn Jahre nach Erscheinen des Empfehlungspapiers Erkenntnisse zu Entwicklungen und Veränderungen zu gewinnen. Zentrale Ergebnisse dieser Statusabfrage sind im Überblickspapier zusammengefasst und mit Handlungsaufforderungen an verschiedene Adressat·innen versehen:
I. Originalerhalt und Kulturpolitik
Dagnija Baltiņa, Lettische Nationalbibliothek
"Jenseits von Kulturpolitik: Originale als ewiges Gedächtnis"
Der Vortrag untersucht, wie die Erhaltung von Originalen – Büchern, Manuskripten und Archivquellen – die Grenzen von Kulturpolitik überschreitet. Inspiriert durch den Film Vergiss mein nicht! (Eternal Sunshine of the Spotless Mind) wird die Frage gestellt, was passiert, wenn Gesellschaften ihr materielles Gedächtnis „löschen“ und wie Bibliotheken und Archive als stille Akteure des Widerstands auftreten. Über administrative Rahmenbedingungen hinaus betrachtet der Vortrag den Originalerhalt als einen ethischen, zivilen und intellektuellen Akt: ein fortwährendes Erinnern, das das kollektive Gedächtnis am Leben erhält, selbst wenn sich Institutionen verändern, Technologien wandeln und die Politik vergisst.
II. Koordinierung und Prävention: Strategien und Initiativen
Maria Elisabeth Müller, Staats- und Universitätsbibliothek Bremen
"Im Fahrwasser der Handlungsempfehlungen – Originalerhalt gemeinsam steuern: Bremens Weg durch ein Jahrzehnt der Bestandserhaltung"
Der Vortrag beleuchtet die Entwicklungen der Bestandserhaltung kultureller Überlieferung in Bremen seit der Veröffentlichung der Bundesweiten Handlungsempfehlungen im Jahr 2015. Durch das "Fahrwasser der Handlungsempfehlungen" haben die kulturüberliefernden Einrichtungen in Bremen eine ganzheitliche Strategie des Originalerhalts entwickelt, die auf gemeinsamer Verantwortung und Zusammenarbeit basiert. Anhand konkreter Projekte der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen (SuUB) wird die aktive Umsetzung dieser Empfehlungen veranschaulicht. Ohne die Förderprogramme der KEK wäre die ganzheitliche Bestandserhaltungsstrategie nicht entstanden.
Dr. Ursula Hartwieg, Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK)
"Zehn Jahre und fast 1 %: Originalerhalt als Fachaufgabe und gesamtstaatliche Pflicht"
Wie gelingen Schutz und Erhalt des schriftlichen Kulturguts in Deutschland seit Veröffentlichung der Bundesweiten Handlungsempfehlungen? Anhand eines Phasenmodells legten sie für den Zeitraum 2015 bis 2025 konkrete Ziele auf infrastruktureller, objektbasierter und kulturpolitischer Ebene fest, die Bund, Länder und die lokale Ebene gleichermaßen betreffen. An konkreten Beispielen lässt sich bemessen, welche Fortschritte bei dieser gesamtstaatlichen Aufgabe inzwischen erreicht wurden, woran es noch fehlt und wie sich im letzten Jahrzehnt aufgrund äußerer Faktoren der Gesamtrahmen teils verschoben hat.
Lars Spreer, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
"Verpackung als strategische Maßnahme im Magazin: Vom individuellen Objektschutz bis zum Standard"
Nicht nur in der SLUB sind Schutzbehältnisse für Objekte und Verpackungsprojekte für ganze Bestandsgruppen ein immerwährendes auch strategisches Thema. Die Schutzverpackungen sind im Einzelnen, wie auch in der Menge oft eine einfache sowie kostengünstige Maßnahme, um möglichst einen nachhaltigen Mindestschutz zu erreichen. Oder auch, um das herausragende Objekt nach allen Regeln der Kunst zu schützen. Dazwischen liegt das gesamte Spektrum an Möglichkeiten der Verpackung, welche maßgeblich durch verschiedene Kriterien beeinflusst werden. Hierbei ist nicht nur das Objekt allein, die Verpackungsnormen und die Modellvielfalt zu beachten. Weitere Rahmenbedingungen wie die finanziellen Möglichkeiten, eine effiziente Flächennutzung, aber auch die Depothygiene und Akzeptanz der Nutzenden spielen eine wesentliche Rolle.
III. Originalerhalt 2035: Impulse und Perspektiven
Dr. Laura Scherr, Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns
"Wunsch und Wirklichkeit landesweiter Notfallvorsorge: Der Notfallverbund Bayern und seine praktische Umsetzung"
Mit der Gründung des Notfallverbundes Bayern am 27. Juni 2024 durch neun bayerische Kultureinrichtungen entstand ein landesweites Netzwerk zur Bewältigung von Großschadensereignissen.
Für Bayern stehen ab Herbst 2025 zwei Abrollbehälter an einem logistisch gut erreichbaren Standort im Raum München für den überregionalen Abruf durch die Feuerwehren über den Notfallverbund Bayern bereit. Ein Container ist mit Arbeitsplätzen zur Reinigung und Dokumentation ausgerüstet, der zweite Container verfügt über ein Kühlmodul und ist als temporäre Lagerfläche und Transportbehältnis vorgesehen. Über den Notfallverbund wird die Mannschaft des Containers – abgestimmt auf das jeweils betroffene Kulturgut – alarmiert.
Beate Umann, Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz – Landesstelle Bestandserhaltung in RLP
"Kulturgutkataster Rheinland-Pfalz: „Man kann nur schützen, was man kennt“"
Das Kulturgutkataster RLP wurde initiiert nach der Ahrtalflut 2021 und ist ein Baustein der landesweiten Notfallvorsorge für den Kulturgutschutz. Bei diesem bisher deutschlandweit einmaligen Projekt geht es um die zentrale Erfassung von grundlegenden Daten der verschiedenen Sammlungseinrichtungen wie Standort, Art des verwahrten Kulturgutes und Kontaktdaten. Zur Erstellung der Datenbank fand eine durch Kulturgutverantwortliche und den Katastrophenschutz koordinierte (freiwillige) Abfrage bei den Einrichtungen statt. Die technische Infrastruktur dazu wurde durch das sogenannte BKS-Portal, einer geschützten Online-Plattform für die Einsatzkräfte, realisiert. Ziel ist es, Einsatzkräften eine schnelle und gezielte Hilfe im Katastrophenfall zu ermöglichen.
Dr. Detlev Heiden, Landesarchiv Sachsen-Anhalt
"Archivischer Originalerhalt durch Massenentsäuerung: Zwischenbilanz, Rahmenbedingungen und Erwartungen"
Das Landesarchiv Sachsen-Anhalt ist 2012 auf der Grundlage einer umfassenden Bestandserhaltungsstrategie und bis 2035 definierten Zielsetzungen konsequent in die Massenentsäuerung eingestiegen. Mittlerweile wurde ein Sechstel der als entsäuerungsbedürftig eingestuften Archivalien dieser elementaren Bestandserhaltungsmaßnahme unterzogen. Die Zwischenbilanz eines archivischen Hauptakteurs bei der Massenentsäuerung wird verknüpft mit dem Blick auf einen veränderten Dienstleistermarkt sowie mit der Einordnung in jüngere fachliche Grundsatzdebatten zur Wirksamkeit der Massenentsäuerung sowie zu den vermeintlichen Alternativen der Kaltlagerung oder Digitalisierung. Berücksichtigung finden auch die Perspektive der kleineren Kulturgut verwahrenden Einrichtungen unter massiv verschlechterten Förderbedingungen, die momentan bis 2035 nur skeptische Erwartungen zulassen.
Dr. Anke Hertling, Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI)
"Mittendrin und alle dabei: Empowerment in der Bestandserhaltung"
Für die Erhaltung seiner internationalen Schulbuchsammlung hat die Forschungsbibliothek des GEI bislang gezielt Einzelmaßnahmen durchgeführt. 2023 wurde erstmals der gesamte Bestand im Hinblick auf Papierqualität und Erhaltungszustand analysiert. Dabei wurde deutlich, dass Maßnahmen erforderlich sind, in die verschiedene Organisationseinheiten von der Bibliothek, über die IT, die Haustechnik bis hin zur Forschung als Hauptnutzer·innen sowie externe Kooperationspartner eingebunden werden müssen. Im Vortrag wird dargelegt, welche systemischen Maßnahmen zur Bestandserhaltung erarbeitet wurden und wie ausgehend von dem Konzept des Empowerments ihre Umsetzung realisiert wird.
Rebecka Thalmann, Landesarchiv Schleswig-Holstein
"Von der Restaurierungswerkstatt zum Sachgebiet Bestandserhaltung: Erfahrungen aus dem Landesarchiv Schleswig-Holstein"
Vor zehn Jahren wurden in der Restaurierungswerkstatt des Landesarchivs Schleswig-Holstein überwiegend aufwändige Einzel- bzw. Mengenrestaurierungen vorgenommen. Eine Einbindung des restauratorischen Fachpersonals in die Aufgaben der Bestandserhaltung fand hingegen kaum statt. Im Rahmen einer Neuorganisation wurde 2023 ein Sachgebiet Bestandserhaltung eingerichtet. Auf diesem Wege wurden die Bereiche, die mit Angelegenheiten der Bestandserhaltung betraut waren, gebündelt. Angesichts einer im Vergleich zu anderen staatlichen Archiven unterdurchschnittlichen Personalausstattung kann ein großer Teil der geplanten bestandserhaltenden Maßnahmen nur langsam umgesetzt werden. Die Erfahrungen, Erfolge, Herausforderungen und Perspektiven sollen beleuchtet werden.
Als Rahmenprogrammpunkt wurde am Nachmittag ein "Marktplatz" eingerichtet, auf dem Informationen zu bestehenden Landes- und Beratungsstellen zum Originalerhalt sowie ausgewählte Projekte präsentiert wurden. Die Informationen zu den Präsentationen finden Sie hier dokumentiert.
Landesfach- und Beratungsstellen:
Archiv- und Bibliothekspflege im Nordbereich der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland:
Ausstellung des Arbeitskreises "Historische Bestände in den Bibliotheken von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz":
schrift : buch : kultur. Sammlungen in Bibliotheken
Präsentation KEK-Modellprojekt zur Notfallvorsorge:
Mit einem Festkonzert feierte das Archiv der Sing-Akademie zu Berlin den Abschluss der Handschriften-Restaurierung seiner Telemann-Bestände in den letzten drei Jahren. Dabei standen u. a. Werke aus dem sogenannten Zellischen Jahrgang (1730/31) auf dem Programm, die sich in Einzelüberlieferungen erhalten haben und deren "absurde Tonmalereien" Lessing einst gepriesen hat. Die aufgeführten, vom Tintenfraß befreiten und für die Nachwelt erhaltenen Kantaten wurden ausgestellt und in Moderation und Gespräch fachkundig erläutert. Es musizierten die renommierte lautten compagney (Preisträgerin des OPUS KLASSIK 2025) und der Kammerchor der Sing-Akademie zu Berlin. Die Veranstaltung fand in der Staatsbibliothek zu Berlin statt, wo das Archiv der Sing-Akademie als Dauerleihgabe verwahrt wird.
Eine Veranstaltung der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK), der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin und der Sing-Akademie zu Berlin.
Sing-Akademie zu Berlin
lautten compagney BERLIN
Musikalische Leitung: Kai-Uwe Jirka
Moderation: Christian Filips
Ein Beitrag im Onlinemagazin sowie ein Interview mit Dr. Martina Rebmann, Leiterin der Musikabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin, und Christian Filips, Programmleiter und Dramaturg der Sing-Akademie zu Berlin, beleuchten die Restaurierung bedrohter Werke Telemanns mit Förderung der KEK.
Die KEK-Tagung fand im Wilhelm-von-Humboldt-Saal der Staatsbibliothek zu Berlin im Haus Unter den Linden statt.
Staatsbibliothek zu Berlin
Wilhelm-von-Humboldt-Saal
Unter den Linden 8
10117 Berlin
Anfahrt:
S- und U-Bhf Friedrichstraße
U- Bhf Französische Straße
Bus Unter den Linden, Friedrichstraße (Bus 100, 147, 245 und 300)
Kontakt für alle Fragen rund um die Tagung:
- Sonja Wallis
- kek-veranstaltungen(at)sbb.spk-berlin.de
- Tel.-Nr.: +49 (0) 30 266 43 1453