Fünf Fragen an die Papierrestauratorin Vendulka Cejchan. 

Grafik, Bühnenbild, Buchgestaltung, Fotografie oder Trickfilm: Das Werk John Heartfields (1891–1968) ist vielfältig. Seine einflussreichsten politischen Fotomontagen, entstanden während der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, sind weit über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt. Heartfields Schutzumschläge für Publikationen in meist linken Verlagen wie dem Malik-Verlag sind weniger bekannt, auch weil sie selten erhalten wurden. Die Akademie der Künste in Berlin verwahrt einen besonders wertvollen Bestand, der in einem KEK-Modellprojekt 2019 restauriert wurde. Papierrestauratorin Vendulka Cejchan berichtet, mit welchen Schäden sie es zu tun hatte und wie sie diese behoben hat.  

KEK: Inwieweit unterscheidet sich die Restaurierung von Schutzumschlägen und von Einbänden?

Vendulka Cejchan: Einbände haben in erster Linie die Funktion, über ihre Gelenke an den Fälzen eine schadensfreie Benutzung des Buches zu ermöglichen. Diese Funktion so minimalinvasiv wie möglich zu stabilisieren bzw. wiederherzustellen, ist oft die zentrale Aufgabe von uns Buchrestauratorinnen und -restauratoren. Im Gegensatz dazu haben die von Heartfield gestalteten Umschläge über den Schutz der Bücher vor mechanischen Schäden hinaus eine in erster Linie ästhetisch-künstlerische Funktion.

Buchumschlag John Heartfield
Der von John Heartfield gestaltete Schutzumschlag zu Ilja Ehrenburgs Roman "Der zweite Tag" vor der Restaurierung. © The Heartfield Community of Heirs/VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Akademie der Künste, Foto: Vendulka Cejchan

KEK: Viele der von Heartfield entworfenen Schutzumschläge waren wegen langjähriger Benutzung in schlechtem Zustand. Um welche Beschädigungen ging es genau?

Vendulka Cejchan: Die Schutzumschläge wiesen zahlreiche Knicke, Risse und Fehlstellen auf, entlang des Umbugs um die Vorderkanten der Deckel war das Papier oft abgebaut und in der obersten Schicht gebrochen.

KEK: Mit welchen Techniken haben Sie die Schutzumschläge gesichert?

Vendulka Cejchan: Die Schutzumschläge wurden von den Büchern abgenommen und zunächst als zweidimensionale Papierobjekte behandelt. Das Papier wurde mechanisch mit PU-Schwämmchen gereinigt, im Bereich der Knicke leicht gefeuchtet und unter moderatem Druck geglättet. Risskanten wurden, wo möglich, in sich verklebt, und, wo nötig, zusätzlich auf der Rückseite mit dünnen Japanpapierstreifen gesichert. Brüche in der Papieroberfläche wurden mit Weizenstärke konsolidiert.  Bezüglich der Fehlstellenergänzung hatte die Klassifizierung der Schutzumschläge als ästhetische und visuelle Entität obersten Stellenwert, vergleichbar eher mit einer Druckgrafik als mit einem rein mechanischen Einbandschutz. Die Fehlstellen wurden demgemäß ausschließlich auf der Innenseite der Umschläge mit mehreren Schichten Japanpapier ergänzt, wobei die unterste Schicht farblich dem jeweiligen Bereich der Außenseite angepasst wurde, während die darauf aufbauenden Schichten der Farbe der Innenseiten entsprachen. Abschließend wurden die restaurierten Umschläge wieder um die Bücher gelegt und damit in eine Dreidimensionalität zurückgeführt. Dabei kam es in einigen Fällen zu erneuten Abplatzungen am Umbug, die dann in-situ verklebt wurden.

Buchumschlag John Heartfield
Derselbe Umschlag nach der Restaurierung. © The Heartfield Community of Heirs/VG Bild-Kunst, Bonn 2020. Akademie der Künste, Foto: Vendulka Cejchan

KEK: Werden die Schutzumschläge im Anschluss an die Ausstellung separat in Mappen gelagert oder um die Bücher geschlagen als Objektensemble?  

Vendulka Cejchan: Die Schutzumschläge verbleiben in den allermeisten Fällen um die Bücher. Als Schutz vor weiteren mechanischen Beschädigungen wurde für jedes Buch ein passgenauer Schuber aus säurefreiem Karton gefertigt.

KEK: Was sind für Sie – aus Sicht einer Papierrestauratorin – die größten Herausforderungen für die Erhaltung schriftlichen Kulturguts?

Vendulka Cejchan: Ein Aspekt, der mir in Zeiten zunehmender Digitalisierung von Schriftgut wichtig ist, ist die Notwendigkeit, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Digitalisierung von Objekten nicht mit "Bestandserhaltung" verwechselt werden darf. Digitalisate dienen der Erfassung und Zugänglichmachung von Information, sie ersetzen keinesfalls bestandserhalterische, konservatorische und restauratorische Maßnahmen am materiellen Schriftgut selbst.