"Ein Stück Geschichte"
Der kolonialzeitliche Tierhändler und sogenannte „Afrikaforscher“ Josef Menges (1850–1910) hinterließ einen umfangreichen Nachlass, indem sich sein berufliches und privates Wirken widerspiegelt. Warum er so wichtig ist und welche Maßnahmen zur Sicherung ergriffen wurden, schildern Dr. Sylvia Mitschke und Benjamin Kirschner, Restaurator·innen, sowie Jamie Dau, Referent für Provenienz und Archive an den Reiss-Engelhorn-Museen (rem).
Jamie Dau: Jakob Josef Menges wurde am 7. Oktober 1850 in Limburg an der Lahn geboren. Nachdem er zunächst als Bahnbeamter gearbeitet hatte, entwickelte er zunehmend naturwissenschaftliche und ethnologische Interessen. Im Jahr 1873 unternahm er seine erste Reise auf den Afrikanischen Kontinent. Besonders im Nordosten dokumentierte er Landschaften, Pflanzen- und Tierwelt, publizierte seine zoologischen Beobachtungen in Zeitschriften und begann, mit "exotischen" Tieren zu handeln. Menges kann daher als exemplarischer Vertreter jener Akteure des 19. Jahrhunderts gelten, die ihre Reisen in Gebiete des heutigen Globalen Süden aus einer Mischung aus teils vermeintlichem "wissenschaftlichem Anspruch", wirtschaftlichem Kalkül, kolonialen Interessen und globalen Handelsverflechtungen heraus unternahmen. Seine Reisen dienten weniger dem kulturellen Austausch als vielmehr dem Erfassen dessen, was in Europa als interessant, nutzbar oder "exotisch" erschien.
Dau: Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit stand der internationale Handel mit Wildtieren, die er aus verschiedenen Regionen der Welt "bezog" und an zoologische Gärten, Zirkusse, Forschungseinrichtungen und private Sammlungen weitervermittelte. Dabei bewegte er sich in einem Bereich, der damals noch um ein Vielfaches weniger reguliert war als heute. Der Handel mit lebenden Tieren wurde im 20. Jahrhundert häufig als legitimer Beitrag zur zoologischen Forschung, zur Zucht seltener Arten und zur öffentlichen Bildung betrachtet. Gleichzeitig ist seine Tätigkeit aus heutiger Perspektive kritisch zu betrachten. Der historische Wildtierhandel ist durch eine hohe Tiersterblichkeit gekennzeichnet. Ökologische und ethische Fragen spielten zur Zeit von Menges' Wirken eine untergeordnete Rolle. Seine Arbeit war damit Teil eines Systems, das Wildtiere nicht als Lebewesen, sondern primär als Handels- und Ausstellungsobjekte betrachtete. Die moderne Zoologie und der heutige Artenschutz haben sich bewusst von dieser Praxis distanziert und strenge rechtliche und moralische Maßstäbe entwickelt. Zudem nutze Menges als Kolonisator das Machtgefällte zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten aus und eignete sich nicht nur Tiere und Pflanzen an, sondern wohl auch Zeugnisse der materiellen Kultur der jeweiligen Regionen, in denen er aktiv war. Als Geschäftspartner von Carl Hagenbeck war Menges auch in das sogenannte "Anwerben" von Menschen für Völkerschauen und damit in den Handel mit Menschen involviert.
Dr. Sylvia Mitschke/Benjamin Kirschner: Der Nachlass umfasst eine umfangreiche Korrespondenz – darunter Kopierbücher, Telegramme und Handelsbriefe – sowie mehrere Kladden mit Reise- und Finanznotizen, Tagebücher von Menges‘ Reisen auf dem Afrikanischen Kontinent, Zeitungsfragmente und kleinere Objekte, darunter äthiopische Gemälde. Die Dokumente vereinen Spuren seines beruflichen Wirkens mit persönlichen Aufzeichnungen und Beobachtungen und bieten damit einen vielschichtigen Einblick in Leben und Arbeit des "Forschers". Beim Auffinden des Bestands im Archiv zeigte sich jedoch ein sehr schlechter Erhaltungszustand: Die Materialien waren stark verschmutzt, mechanisch beschädigt, teilweise von Tintenfraß betroffen und überwiegend als lose Blätter unsachgemäß gelagert, zudem ohne klimatische Kontrolle. Unter diesen Bedingungen war eine wissenschaftliche Nutzung kaum möglich und der Bestand war akut gefährdet, dauerhaft verloren zu gehen.
Dau/Mitschke/Kirschner: Der Nachlass gelangte im Jahr 1980 in das Archiv der damaligen völkerkundlichen Sammlungen der Stadt Mannheim im Reiss-Museum. Dank der Unterstützung der KEK können wir gewährleisten, dass diese wertvollen Materialien nicht nur konservatorisch gesichert, sondern auch weiterhin zugänglich bleiben. Im Mittelpunkt des Projekts stand die umfassende restauratorische Stabilisierung und Reinigung der stark geschädigten Papierbestände. Parallel dazu erfolgte die vorbereitende Bearbeitung für das geplante Einscannen, um zukünftige Digitalisierungsprozesse effizient durchführen zu können.
Dau/Mitschke/Kirschner: Nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten liegt unser Schwerpunkt darauf, den Bestand nachhaltig zu sichern und seine Zugänglichkeit deutlich zu verbessern. Zu diesem Zweck planen wir eine umfassende Digitalisierung der Materialien. Dabei kommen auch KI-gestützte Verfahren zum Einsatz, die an den Reiss-Engelhorn-Museen unter der Leitung unseres Referenten für KI und Digitalstrategie, Leslie Zimmermann, im Rahmen unserer Forschungsarbeit speziell für historische Dokumente weiterentwickelt werden. Diese Technologien ermöglichen eine effizientere Erschließung und wissenschaftliche Auswertung der Unterlagen. In einem nächsten Schritt sollen die digitalisierten Bestände online zugänglich gemacht werden. Dadurch werden sie nicht nur für Fachwissenschaftler∙innen, sondern auch für eine breite, kultur- und geschichtsinteressierte Öffentlichkeit nutzbar. Auf diese Weise kann der kulturelle und historische Wert des Nachlasses weit über Mannheim hinaus seine Wirkung entfalten. Darüber hinaus leistet die Digitalisierung einen wichtigen Beitrag zur Bestandserhaltung: Sie unterstützt die langfristige Archivierung und gewährleistet, dass die Inhalte auch dann erhalten bleiben, wenn die Originale künftig nicht mehr regelmäßig eingesehen werden können. Der physische Bestand wird nach Abschluss der Restaurierung in säurefreien, alkalisch gepufferten Archivboxen unter kontrollierten Klimabedingungen aufbewahrt. Die Digitalisate werden im digitalen Archivsystem dauerhaft gepflegt. Bereits heute inspiriert der Nachlass neue Forschungsprojekte, darunter ein Dissertationsvorhaben an der Universität Erfurt, das sich mit dem kolonialzeitlichen Tierhandel befasst.
Dau: Die Dokumente aus dem Nachlass von Josef Menges stellen eine wertvolle Quelle für die Erforschung der Tiergeografie, Wirtschaft und Kolonialgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts dar. Sie ergänzen in besonderer Weise die zahlreichen Reiseberichte und Beschreibungen der Tier- und Pflanzenwelt, die Menges in naturwissenschaftlichen und geografischen Zeitschriften veröffentlichte und mit denen er sich einen internationalen Ruf als Zoologe und Forscher erwerben wollte. Durch die Verbindung zoologischer, ethnografischer und kolonialhistorischer Fragestellungen besitzen diese Dokumente eine außergewöhnliche wissenschaftliche wie kulturhistorische Bedeutung. Archive und Museen genießen hohes Vertrauen, gerade weil sie solche einzigartigen Zeugnisse bewahren. Dieses Vertrauen wäre gefährdet, wenn die Bestände ausschließlich aus Kopien bestünden. Darüber hinaus enthalten Originale zahlreiche Informationen, die in Reproduktionen verloren gehen können, etwa zur Beschaffenheit von Papier und Tinte oder zu Wasserzeichen, Stempeln und Prägungen. Mit modernen wissenschaftlichen Verfahren – beispielsweise chemischen Analysen oder Infrarotuntersuchungen – lassen sich zudem auch heute noch neue Erkenntnisse gewinnen, die den Forschungsstand erweitern.
Mitschke/Kirschner: Schriftliches Kulturgut ist ein bedeutender Teil sowohl der musealen Sammlungen selbst als auch in Form von Begleitdokumenten wie Inventarbüchern, Zettelkästen, Büchern, Zeitschriften und Katalogen. Es bildet in seiner Gesamtheit die Grundlage für wissenschaftliche Forschung, Sammlungsdokumentation und die kritische Aufarbeitung von Geschichte. Für die Reiss‑Engelhorn‑Museen sind Archive ein zentraler Bestandteil musealer Arbeit – sie ermöglichen die historisch fundierte Vermittlung von Zeugnissen materieller Kultur und Kontexte. Am Beispiel des Nachlasses Menges' zeigt sich, wie wichtig es ist, auch unscheinbare oder beschädigte Dokumente zu bewahren. Hinter jedem Papierfund steckt ein Stück Geschichte, das neue Erkenntnisse eröffnen kann. Es ist eine verantwortungsvolle und gleichermaßen befriedigende Aufgabe, solches Kulturgut zu sichern und wieder sichtbar zu machen.
Teaserfoto © nilo – Agentur für Fotografie