Sechs Fragen an Prof. Michael Rotert, Wirtschaftsingenieur und Internetpionier. 

"Michael, this is your official welcome to CSNET. We are glad to have you aboard." Mit diesen Worten begrüßt Laura Breeden, Mitarbeiterin des CSNET Koordinations- und Informationszentrums am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston, am 3. August 1984 ihren Kollegen in Deutschland. CSNET war als Computer-Netzwerk in den USA entwickelt worden, vor allem um die Kommunikation zwischen Wissenschaftlern zu erleichtern.

Heute wissen wir: Es war der Beginn einer neuen Ära. Als erste E-Mail, die an einen eigenständigen deutschlandweit verfügbaren E-Mailserver überhaupt gesendet wurde, landete die Nachricht im Postfach von Michael Rotert, damals Mitarbeiter der Informatik-Rechnerabteilung an der Universität Karlsruhe. Wir haben Michael Rotert gefragt, ob die E-Mail beantwortet wurde und warum das elektronische Original nicht mehr existiert. Das einzige existierende Zeugnis dieses historischen Ereignisses ist der im Stadtarchiv Karlsruhe verwahrte Originalausdruck der Nachricht auf Endlospapier.

KEK: Wie kam es dazu, dass Sie zum Empfänger der ersten E-Mail in Deutschland wurden?

Rotert: Das lässt sich auf das Forschungsprojekt des Deutschen Forschungsnetzes (DFN) zurückführen, an dem wir damals an der Universität Karlsruhe arbeiteten. Ziel des Projekts war der Anschluss an internationale Rechnernetze, um den Austausch in der Academia zu erleichtern. Vor allem ging es um eine Verbindung zu den Wissenschaftler-Kollegen in den USA. Eine Electronic Mail über die Telefonnetze zu verschicken, erschien zunächst als der einfachste Weg. Dazu brauchten wir die Software der amerikanischen Partner, die aber an die Telekommunikationsinfrastrukturen in Deutschland angepasst werden musste. Auf dieser Basis haben wir dann in der Fakultät für Informatik der Universität Karlsruhe – dem heutigen Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – einen Mailserver ausschließlich für Wissenschaftler aufgesetzt, den ersten in Deutschland und Europa überhaupt. Nach Installation und einer Reihe von Tests ging schließlich eine Anschlussmeldung in Richtung MIT durch. Die erste E-Mail vom 3. August 1984 war damit eine Bestätigungsmail, die uns im Netz willkommen hieß.

KEK: Was ist mit dieser E-Mail im Anschluss passiert. Haben Sie zum Beispiel direkt geantwortet?

Rotert: Die eingegangene E-Mail war eine Bereitschaftserklärung der Kollegen aus Übersee, also bereits eine Antwort und auch der Abschluss der Testreihe. Direkt im Anschluss ist sehr schnell der Netzaufbau gewachsen: Universitäten und Forschungseinrichtungen wollten sich alle beteiligen. Dazu mussten sich die Einrichtungen von außen am Mailserver der Karlsruher Uni einwählen und ihre Mitteilung senden. Bei uns wurden zur Zustellung die Adressen der Mails dann umformatiert und an die betreffenden Empfänger weitergeleitet. Das größte Problem war die Adressierung: Es gab ja noch kein normiertes Mail-Adressformat und auch keine Länderdomains, lediglich das @-Zeichen war von Anbeginn Bestandteil. Unser Host-Name lautete zum Beispiel schlicht "germany" und ergab somit die Adresse "rotert@germany". Es gab aber auch eine Reihe von Alias-Namen. Wir mussten also die Posteingänge interpretieren und herausfinden, von wem die Mail kam und an wen sie gehen sollte, um sie überhaupt weiterleiten zu können. All diese Entwicklungen fanden im Rahmen dieses Forschungsprojekts an der Universität Karlsruhe statt. Für uns war das eine enorm spannende Zeit, alles ging ziemlich dynamisch voran. Für die allererste Mail haben wir uns dabei nicht mehr wirklich interessiert – sie war ja schlicht Mittel zum Zweck gewesen. Wir waren voll und ganz darauf fokussiert, das Kommunikationsnetz aufzubauen, auch international. Ziemlich rasch, schon nach drei Monaten, wollte zum Beispiel Frankreich ans Netz, später China. Diese Prozesse habe ich alle begleitet bzw. gesteuert. Mit den Jahren hat sich die politische Situation verändert. Vor allem der Fall der Mauer hatte großen Einfluss auf die Veränderungen der technologischen Infrastruktur. Die Mailsysteme wurden immer wieder angepasst und optimiert und irgendwann waren die ersten Systeme mit den neuen nicht mehr kompatibel. Die Daten der Anfangszeit sind obsolet geworden – die erste Mail von 1984 ist also tatsächlich gelöscht. Das öffentliche Interesse an diesem initialen Ereignis der jüngsten Kommunikationsgeschichte, als das es heute gesehen wird, ist erst später aufgekommen.

KEK: Ein Ausdruck der E-Mail wird im Stadtarchiv Karlsruhe verwahrt. Wie ist das Zeitzeugnis damals dorthin gelangt?

Rotert: Anlässlich des 25. Jahrestags zum Empfang der ersten E-Mail hat die Stadt Karlsruhe ein Jubiläums-Stadtschild für den Ortseingang anfertigen lassen. Zur Einweihung dieses Schilds "K@rlsruhe" wurde eine kleine Veranstaltung organisiert, zu der ich eingeladen war. Hierzu habe ich dann den Ausdruck der E-Mail mitgebracht, den ich damals im Institut gemacht hatte. Dr. Ernst Otto Bräunche, der Leiter des Stadtarchivs Karlsruhe, war auch zugegen und über dieses besondere Original natürlich sehr erfreut. Schließlich habe ich das Jubiläum zum Anlass genommen, das Dokument dem Stadtarchiv zur dauerhaften Verwahrung zu übergeben.

Gruppenbild
Michael Rotert, Dr. Ernst Otto Bräunche und Wolfram Jäger (von links). © Fränkle, Stadt Karlsruhe

KEK: Wie haben Sie und Ihre Mitstreiter sich die weitere Entwicklung der E-Mail-Kommunikation vorgestellt? Hatten Sie damals erwartet, dass die Verbreitung dieser Technologie so rasant sein würde?

Rotert: Die schnelle Entwicklung in der akademischen Community war abzusehen: Es wurde bereits an vielen Stellen kontinuierlich und intensiv an einer einrichtungsübergreifenden Vernetzung gearbeitet. Die rasante Entwicklung im öffentlichen Bereich oder gar für die breite Masse war hingegen am Anfang ganz und gar nicht vorhersehbar. Es trafen jedoch schon nach einem halben Jahr erste Anfragen von kommerziellen Nutzern ein. Der Springer Verlag in Heidelberg zeigte zum Beispiel Interesse daran, eine transatlantische Verbindung aufzubauen, um die Kommunikation mit seiner Dependance in New York zu beschleunigen. Eine große Hürde im kommerziellen Bereich war allerdings das damalige Monopol der Deutschen Bundespost: Die Kosten für den Datentransfer waren enorm. Eine DIN A4 Seite per Mail zu versenden, kostete national umgerechnet 20 Cent, international 30 Cent. Aber der elektronische Postversand war natürlich deutlich schneller als die reguläre Post. Die Übertragungszeit von 100 Seiten betrug ca. 3 Minuten. Hieran hat sich übrigens bis heute nichts geändert – lediglich die Ursachen sind andere: Früher lag es an den Leitungen, heute liegt es an den unzähligen Spam-Filtern, die bei Versand auf mehreren Ebenen aktiviert werden.

KEK: Wie schätzen Sie die aktuellen Strategien zur Erhaltung digitaler Daten ein, insbesondere bei der Bewahrung herausragender Ereignisse als Kulturerbe für folgende Generationen?

Rotert: Die Archivierung von digitalen Daten für lange Dauer halte ich ehrlich gesagt für relativ aussichtslos. Nehmen wir digitalisierte Röntgenbilder: Schon nach mehreren Jahren sind ihnen häufig keine verlässlichen Informationen mehr zu entnehmen – sei es, weil beim Speicher- oder Kopiervorgang Fehler gemacht wurden, sei es, dass Speicherformate nicht mehr lesbar sind. Bei Daten, die in Sonderformaten abgespeichert sind, wird das noch schwieriger. Die Digitalisierung ist das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, Wissen und schriftliche Information zugänglich zu machen. Für die langfristige – oder gar dauerhafte – Speicherung von Informationen ist meiner Ansicht nach Papier immer noch der beste Informationsträger.

KEK: Welche Zukunft sehen Sie für die E-Mail-Kommunikation. Wie wird sie sich weiterentwickeln?

Rotert: Schaut man auf die Kommunikations-Trends bei Jugendlichen, ist klar zu erkennen: Hier hat die E-Mail keine Zukunft. Die Nutzung ist nachweislich rückläufig, die Kommunikation läuft stattdessen über Chat-Programme und Messenger-Dienste. Dies ist auch der Trend im gesamten Bereich der privaten Kommunikation. Anders ist es im geschäftlichen Bereich: Hier wächst die E-Mail-Kommunikation. Noch vor ein paar Jahren konnten zum Beispiel Anfragen oder Geschäftsvorgänge mit dem Finanzamt oder der Rentenkasse nur per Brief geklärt werden. Heute geht dies häufig einfach auf elektronischem Weg. Die E-Mail-Kommunikation hat aber auch eine problematische Seite: So steht die E-Mail aus Sicht des Datenschutzes noch immer auf einer Stufe mit einer Postkarte. Sprich: Jeder, der sie in die Hände bekommt, kann sie lesen. Der größte Anteil der Mails wird ohne jegliche Verschlüsselung verschickt – und an einer Verbesserung dieser Situation zeigt derzeit kaum jemand Interesse. Außerdem sind Mails das zentrale Medium zur Verbreitung von Schadsoftware. Heute machen Spam-Mails 90 % des Datenverkehrs aus! Der Aufwand einer wirksamen Filterung ist enorm. Anstrengungen, diese Situation zu verbessern, sind nicht in Sicht. Ein Grund sind die Kosten, denn Mail-Services werden heute fast flächendeckend kostenlos zur Verfügung gestellt, und auch in Zukunft wird das voraussichtlich so bleiben. Gerade vor diesem Hintergrund könnte man also sagen: Die Entwicklung der E-Mail-Kommunikation ist an einem gewissen Punkt stagniert. Die Zukunft ist ungewiss.