Heute möchte ich über das ewige Leuchten des Originals sprechen. Das ist ein Thema, über das wir viel nachgedacht haben, als wir den fünfhundertsten Jahrestag des ersten Buches in lettischer Sprache feierten. Die Lettische Nationalbibliothek war für das fünfjährige Festprogramm verantwortlich und wir standen vor der Frage, wie wir das Jubiläum eines Buches feiern sollten, das nicht erhalten geblieben ist. 

Das Buch wurde im Jahr 1525 in Wittenberg gedruckt, sein Inhalt war protestantisch. Auf dem Weg nach Riga wurde es vom katholischen Rat in Lübeck beschlagnahmt und zur Vernichtung bestimmt. Im Oktober 2025 haben wir gemeinsam mit unseren deutschen Partnern in Wittenberg eine internationale Konferenz zu diesem Ereignis organisiert. Dort wurde es als Detektivgeschichte der Buchgeschichte diskutiert. Und wenn es tatsächlich eine Detektivgeschichte ist, dann eine sehr ungewöhnliche: In dieser kennt man den Täter schon auf der ersten Seite, aber gerade das Opfer ist es, das niemand finden kann. 

Von den Opfern einer vergessenden Gesellschaft

Meiner Meinung nach ist diese Geschichte symbolisch für das Thema, über das wir auf der 2. KEK-Tagung sprechen. Denn auch das historische Gedächtnis wird oft zum Opfer einer vergessenden Gesellschaft. Den Titel meiner Keynote habe ich dem Film "Eternal Sunshine of the Spotless Mind" aus dem Jahr 2004 entnommen: ein Film, der von einem psychologischen und philosophischen Experiment mit Erinnerung, Identität und Schmerz erzählt. Der Protagonist versucht, seine Erinnerungen auszulöschen und erkennt nach und nach, dass er sie gar nicht verlieren will. Der Titel des Films stammt aus einem Gedicht von Alexander Pope, es sind die Zeilen: "The world forgetting, by the world forgot./Eternal sunshine of the spotless mind!" [Die Welt vergessend, von der Welt vergessen./Ewiger Sonnenschein des makellosen Geistes!" Anm. d. Red.]

Die Mission der Bibliotheken besteht darin, dafür zu sorgen, dass unsere Köpfe nicht makellos, also nicht "spotless", werden. Doch der Lauf der Geschichte – und oft auch unsere Instinkte – gehen genau in die entgegengesetzte Richtung. Ich möchte heute die Frage stellen, was die Verantwortung der Bibliotheken als "Erinnerungsinstitutionen", als Hüterinnen des kulturellen Erbes im Gedächtnis der Gesellschaft, eigentlich bedeutet. Das Digitalisierungsprogramm der Europäischen Union hat ein klares Ziel formuliert: die Digitalisierung und Bewahrung des europäischen Kulturerbes. Doch es ist ebenso klar, dass Digitalisierung und Bewahrung nicht identisch sind. Unsere größte und schwierigste Herausforderung – nicht nur als Institutionen, sondern auch als Individuen – besteht heute darin, der Versuchung zu widerstehen, alles immer "bildschirmglatt" zu machen. Um zu zeigen, warum das wichtig ist, möchte ich drei Perspektiven hervorheben: Ethik, Nachhaltigkeit und Solidarität.

Der erste Aspekt: Ethik

Bewahrung und Erhaltung ist eine ethische, bürgerliche und intellektuelle Handlung. Sie hält das kollektive Gedächtnis lebendig – selbst dann, wenn sich Institutionen, Technologien und politische Systeme verändern. Bewahrung und Erhaltung ist nicht nur eine physische, sondern auch eine moralische Tat. Jeder Mensch, der Bibliotheken und Museen unterstützt oder einfach alte Familienbriefe aufbewahrt, beteiligt sich am langfristigen Projekt der Menschheit: Erfahrung weiterzugeben. Der Europarat stellte fest, dass der Zugang zu Archiven eine der zentralen Fragen ist, die gelöst werden müssen, um die Demokratie auf dem gesamten Kontinent zu stärken. Dies folgt aus der ethischen Überzeugung, dass Wissen über die Vergangenheit ein Menschenrecht ist und dass Bürgerinnen und Bürger in einer demokratischen Gesellschaft das Recht haben, Zugang zu einer objektiven Darstellung ihrer Geschichte zu erhalten, die auf authentischen Quellen in Archiven beruht.

Dagnija Baltiņa in der Videoschalte. © Rebecca Akimoto, KEK

Die Begegnung mit dem Original vermittelt nicht nur ein Gefühl für die Tiefe der Zeit und für die Arbeit, die in die Entstehung von Wissen eingeflossen ist. Das Original zeigt, dass Wissen angehäuft wurde und nicht immer wieder neu erfunden wird; dass selbst der modernste Geist auf Jahrhunderten gemeinsamer Erfahrung aufbaut. Dieses Bewusstsein schafft Wertschätzung und Respekt, die nicht sentimental, sondern rational und ethisch begründet sind. Die digitale Kultur nimmt unserer historischen Erfahrung die Dimension der Zeit und fördert stattdessen Gleichzeitigkeit. Wir dürfen unsere historische Erfahrung und unser kollektives Gedächtnis nicht in eine digitale Kultur integrieren, die auf Informationsgleichzeitigkeit und dem sogenannten "Scroll-Effekt" beruht. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Mechanismen der Informationsauswahl und -filterung, die in der digitalen und sozialen Medienwelt entstanden sind, auch auf das historische Gedächtnis übertragen werden. Damit riskieren wir, den Kontext zu verlieren. Das digitale Format bewahrt zwar den Inhalt, löscht aber oft den Zusammenhang. Ohne diesen Kontext verlieren wir die Kraft, die kritisches Denken überhaupt erst ermöglicht.

Der zweite Aspekt: Nachhaltigkeit

Durch Restaurierung und Erhaltung treffen wir eine Auswahl: Wir entscheiden, welches Material weitergegeben wird und welches verschwindet. Die Dokumente der Europäischen Union betonen, dass das kulturelle Erbe eine nicht erneuerbare Ressource ist. Es ist einzigartig, unersetzlich und nicht austauschbar. Seit Jahrhunderten dient Papier als das haltbarste und zugänglichste Medium für menschliches Wissen und kollektives Gedächtnis. Dokumente auf Papier sind also physische Verbindungspunkte zur Vergangenheit. Das papierbasierte Erbe wirkt wie ein Gegenschlag gegen die Tendenz, alles zu digitalisieren, zu verschlüsseln oder einfach zu löschen. Es sorgt dafür, dass menschliche Erfahrungen – ebenso wie Irrtümer – nicht einfach vergessen werden.

In der digitalen Welt lassen sich Fehler mit einem Klick löschen – auf Papier bleiben sie sichtbar, z. B. in Korrekturen und Randnotizen. Gerade diese Unvollkommenheiten machen ein Dokument authentisch, weil sie die Spuren menschlicher Gegenwart bewahren. Das originale Papierdokument widersetzt sich der Vorstellung, dass man Geschichte einfach "bearbeiten" kann.

Der dritte Aspekt: Solidarität

Das ewige Leuchten des Originals – das ist etwas Besonderes. Dieses Leuchten verzaubert uns nicht nur, es beeinflusst uns auch als Bibliotheksdirektorinnen und -direktoren, als Minister, Forschende und Studierende. Und es erlegt uns eine Verantwortung auf. Es ist nicht so, dass dieses Thema nur Menschen aus dem Kulturbereich betrifft. Wir müssen aufhören, die Bewahrung von Papiermaterialien als rein kulturelles Problem zu betrachten. Sie ist eine Frage, die uns alle betrifft. Die Erhaltung von Originalen – Büchern, Handschriften und Archivquellen – überschreitet die Grenzen der Kulturpolitik. Darum sollten Entscheidungen darüber nicht allein von der Kulturpolitik, sondern von breiteren gesellschaftlichen Gruppen getroffen werden.

Die UNESCO-Dokumente betonen: "Neglect, conflict, and deliberate destruction have erased irreplaceable parts of humanity’s written record." [Nachlässigkeit, Koflikte und bewusste Zerstörung haben unersetzliche Teile des Schriftguts der Menschheit ausgelöscht." Anm. d. Red.] Das ist eine klare Aussage: Kulturerbe gehört allen und sein Schutz ist eine gemeinsame Verantwortung, kein exklusives Fachgebiet für Expertinnen und Experten. Es ist klug, die Diskussion über die Bewahrung von Papier auch an breitere Gesprächstische zu bringen. Denn das verleiht Kontext und ein Gefühl von Kontinuität – auch in Bezug darauf, welche Entscheidungen wir treffen und mit welchen Augen wir künftig das digital Geborene sehen und verstehen werden.

Vom existenziellen Bedürfnis nach Authentizität

Lassen Sie mich mit einer Rückkehr zum ersten lettischen Buch schließen. Als wir vor mehr als zehn Jahren die Dauerausstellung in der lettischen Nationalbibliothek zum Thema Buchgeschichte gestalteten, diskutierten wir lange darüber, wie wir das erste Buch, das nicht erhalten geblieben ist, präsentieren sollten. Schließlich beschlossen wir, eine Handvoll Asche in die Vitrine zu legen. Damals war es Mode, digitale Lösungen, Bildschirme, interaktive Tablets usw. in Ausstellungen zu verwenden. Unsere damalige Leitung hatte jedoch die Vorgabe, nur Originale auszustellen. 

Dies deckt sich in gewisser Weise mit der These, die der Psychologe Paul Bloom 2010 in seinem Buch "How Pleasure Works" [Wie Vergnügen funktioniert, Anm. d. Red.] formulierte. Er sagte, dass den Menschen die rein äußere oder funktionale Ähnlichkeit einer Sache nicht reicht. Wir schätzen an einem Objekt sein Wesen und seine Geschichte, die Verbindung zu seinem Ursprung, zu seinem Autor oder zu dem Weg, den es gegangen ist. Eine völlig identische Kopie eines Gemäldes mag optisch gleich sein, doch die meisten Menschen bevorzugen trotzdem das Original, weil sie ein existenzielles Bedürfnis nach Authentizität haben – nach etwas, das der Künstler in sein Werk "hineingewoben" hat. 

Das ergibt sich aus unserem kognitiven Bedürfnis nach der inneren, unsichtbaren Essenz der Dinge, die sie zu dem macht, was sie sind. Unsere Bindung an das Original hat nichts mit sinnlicher Erfahrung zu tun, sondern mit Wesen, Geschichte und Glauben. Der Mensch ist ein Sinnsuchender: Wir finden Tiefe dort, wo Bedeutung ist – nicht dort, wo nur Inhalt existiert.

Die Keynote wurde usprünglich zur Eröffnung der 2. KEK-Tagung am 6. November 2025 gehalten.