Kulturgut kann durch Extremereignisse unwiederbringlich zerstört werden. Deshalb fördern wir präventive Maßnahmen seit unserer Gründung 2010. Der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr zuvor hatte die Dringlichkeit der Einrichtung einer Koordinierungsstelle deutlich vor Augen geführt. Angesichts der Zunahme von natürlichen Bedrohungen wie Hochwassern oder Bränden wächst die Notwendigkeit, die Notfallvorsorge im Kultursektor zu stärken und eine bundesweite Versorgung mit Notfallmaterial sicherzustellen. 

Gemäß der Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten vom 14. Mai 1954 bedeutet "jede Schädigung von Kulturgut, gleichgültig welchem Volke es gehört, eine Schädigung des kulturellen Erbes der ganzen Menschheit (...), weil jedes Volk seinen Beitrag zur Kultur der Welt leistet" (Präambel). Auch mit Blick auf die veränderte sicherheitspolitische Lage ist die Konvention maßgeblich: "Die Hohen Vertragsparteien verpflichten sich, schon in Friedenszeiten die Sicherung des auf ihrem Gebiet befindlichen Kulturguts gegen die absehbaren Folgen eines bewaffneten Konflikts vorzubereiten, indem sie alle Maßnahmen treffen, die sie für geeignet erachten" (Artikel 3).

Unser Einsatz für Kulturgut

An der Schnittstelle von Bund, Ländern und Kommunen sowie anderer Trägerschaften (z. B. Religionsgemeinschaften oder Vereinen) sind wir seit 2010 zur Multiplikatorin im Bereich Kulturgutschutz geworden. Neben der Förderung von Maßnahmen zur Notfallvorsorge unterstützen wir Initiativen und innovative Entwicklungen im Bereich Kulturgutschutz:

  • Mit einem interaktiven Kartenmodul stärken wir seit 2022 die Vernetzung über Spartengrenzen hinweg. Die Karte visualisiert Anzahl und Lage der Notfallverbünde in Deutschland; außerdem sind Daten zu den beteiligten Einrichtungen abrufbar. 
  • Gemeinsam mit den Bestandserhaltungausschüssen der drei Gremien von BKK, dbv und KLA waren wir an der Erarbeitung der Empfehlungen zum Notfallmanagement in Archiven und Bibliotheken (2024) beteiligt.

Schwerpunkt Notfallvorsorge

In der KEK-Modellprojektförderung werden seit 2010 Vorhaben zur Notfallvorsorge unterstützt, z. B. die Anschaffung von Notfallboxen oder die Erstellung von Risikoanalysen. Die Maßnahmen wirken in zweifacher Hinsicht:

  • Kleine Einrichtungen profitieren von einem Grundstock an Notfallmaterialien und Kompetenz, um angemessen und handlungssicher auf kleinere Schadensereignisse reagieren zu können.
  • In der kooperativen Struktur der Notfallverbünde addieren sich die Vorsorgemaßnahmen der einzelnen Einrichtungen. Insbesondere größeren Schadenslagen kann damit effektiver und schneller begegnet werden. 

Damit folgt die KEK-Modellprojektförderung den Empfehlungen der Deutschen Strategie zur Stärkung der Resilienz gegenüber Katastrophen, wonach Einrichtungen bei der Notfallvorsorge unterstützt und die Zahl der Notfallverbünde ausgebaut werden sollte. Bis 2023 konnten insgesamt 64 Projekte zur Notfallvorsorge mit einem Fördervolumen von über 600.000 Euro in 15 Bundesländern gefördert werden. Die Gesamtkosten betrugen über 1,1 Mio. Euro (inkl. Eigen-, Dritt- und Landesmitteln). Folgende Maßnahmen sind förderfähig: 

Der Kompetenz- und Methodenausbau ist für eine nachhaltige und breit angelegte Notfallvorsorge unabdingbar. Ziel ist es, Handlungssicherheit in den Einrichtungen zu gewährleisten. Indem diese Maßnahmen das "Katastrophenrisikomanagement als Thema stärker in Kulturgut bewahrenden Einrichtungen verankern und ebenenübergreifend vernetzen", folgen sie den Empfehlungen der Deutschen Resilienzstrategie (S. 61).

Zahlreiche innovative Modellprojekte konnten in diesem Bereich gefördert werden. So produzierte das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum 2012 einen Lehrfilm zur Vermittlung von Notfallprävention. 2020 folgte die Entwicklung eines E-Learning-Moduls. Der Notfallverbund Münster hingegen hat gemeinsam mit Design-Studierenden der FH Münster 112-Anleitungen für den Notfall entwickelt, die online kostenfrei verfügbar sind.

Weitere Themen von KEK-Modellprojekten zum Kompetenz- und Methodenausbau sind:

  • Risiko- bzw. Gefährdungsanalysen
  • Konzeptentwicklung, z. B. Notfall-/Alarmpläne oder Ablaufpläne für die Erstreaktion
  • strategische Vorsorge für Regionen, z. B. Gründung von Notfallverbünden
  • Auf- und Ausbau von Fachkenntnissen, z. B. Notfallseminare oder Lehrfilme
  • Kompetenzentwicklung, z. B. Notfallübungen

Notfallboxen und -koffer dienen dazu, schnell Hilfe an betroffenen Objekten leisten zu können. Sie stellen auch für kleine Einrichtungen eine grundlegende, meist standardisierte Materialbasis dar. Seit 2011 haben wir über 200 Notfallboxen finanziert. Daneben ist weiteres Notfallmaterial förderfähig, z. B. individuell bestückte Gitterrollwagen und Schutzkleidung.

Das LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum beschaffte 2011 Notfallboxen für eine ganze Region, um nichtstaatliche Archive und Kultureinrichtungen im Rheinland systematisch auf den Notfall vorzubereiten. Zudem gab die Förderung Anreiz zur Gründung von Notfallverbünden. Der Magdeburger Notfallverbund wurde 2013 ein Mobiles Erstversorgungszentrum (MEVZ) beschafft, das im städtischen Katastrophenschutzlager bereitgehalten wird. 

Große Bergungs- und Erstversorgungsgeräte sind ein entscheidender Baustein in der Vorbereitung auf Katastrophenszenarien, denn der Vorrat an Notfallmaterialien einzelner Einrichtungen kann bei Großschadensereignissen schnell an seine Grenzen stoßen. Wie auch Notfallboxen und -material stellen sie essenzielle "Unterstützungskomponenten des Katastrophenschutzes im Bereich Kulturgutschutz" dar (Deutsche Resilienzstrategie, S.61).

Modellhaft hierfür steht der Kölner Abrollcontainer, der 2019/2020 in einem KEK-Modellprojekt entwickelt wurde. Er ist witterungsunabhängig und kann sowohl als Arbeits- als auch als Lagerraum genutzt werden. Während der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal 2021 wurden in diesem Container Archivalien erfolgreich erstversorgt.

Ein weiteres Beispiel für Bergungsgerät ist der Notfallanhänger der Stadt Görlitz. Dank seiner kompakten Bauweise sowie einer Anhängerkupplung ist er im ländlichen Raum bzw. in bergigen Regionen flexibel einsetzbar. Dies ist von Vorteil, wenn der Einsatzort PWK-, aber nicht LWK-fähig ist. 

Als Notfallzüge bezeichnet man umfangreicheres Gerät, das in der Regel zentral bei der Feuerwehr vorgehalten wird. Bereits 2012 haben wir die Ausrüstung eines Notfallzugs der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) gfördert. Nach Abschluss des Projekts wurden die Inventar- und Transportlisten frei verfügbar gemacht: ein gutes Beispiel für die Nachnutzbarkeit der in KEK-Modellprojekten gewonnenen Erkenntnisse.

Aktuelle Entwicklungen

In den Förderjahren 2023 und 2024 stellten die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und die Kulturstiftung der Länder zusätzliche Mittel bereit, um die Auswirkungen von Schadensereignissen auf Kultureinrichtungen abzumildern. Grundlage dieser Schwerpunktsetzung bildeten die Fördergrundsätze der KEK und verschiedene Positions- bzw. Empfehlungspapiere, die den Kulturgutschutz als gesamtgesellschaftliche Aufgabe anerkennen. Vertiefende Informationen für Antragsteller·innen sind im Bereich Förderung versammelt.

Grundlage für die Einrichtung des Schwerpunkts Notfallvorsorge sind die Fördergrundsätze zur Förderung von Modellprojekten zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts in Deutschland. Demnach zählen zu den förderfähigen Kategorien u. a. "Ausbau und Qualifizierung der Notfallvorsorge, vor allem durch die modellhafte Unterstützung von Notfallverbünden" (3. Gegenstand der Förderung).

In Reaktion auf das Jahrhunderthochwasser 2021 legte der Bund das Sondervermögen Aufbauhilfe 2021 auf, das die Beschaffung von bis zu zehn Notfallcontainern für den Kulturgutschutz ermöglicht, die bundesweit für die Katastrophenbewältigung genutzt werden können. Vorbild ist der Kölner Abrollcontainer, der in einem zweijährigen KEK-Modellprojekt entwickelt wurde.

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine führte 2022 und 2023 zu einer tiefgreifenden Energiekrise. Die schwerwiegende Auswirkungen auf Kultureinrichtungen wurden auf Ebene von Bund, Ländern und Kommunen diskutiert. Die Gemeinsamen Empfehlungen der Kulturministerkonferenz, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der kommunalen Spitzenverbände für Maßnahmen im Kontext einer etwaigen Gasnotlage unter besonderer Berücksichtigung Kulturgut bewahrender Einrichtungen fassen die Ergebnisse dieser Diskussionen zusammen. Im Fokus stehen u. a. Notfallverbünde als eine der wichtigsten Infrastrukturen auf lokaler und regionaler Ebene. Deren Auf- und Ausbau wird in der KEK-Modellprojektförderung seit 2010 maßgeblich unterstützt. 

Die Empfehlungen geben zudem Anhaltspunkte, welches Kulturgut im Ernstfall priorisiert werden sollte. Hierunter fällt z. B. "schriftliches Kulturgut, das durch eine Projektförderung der von Bund und Ländern getragenen Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Kulturguts (KEK) als Kulturgut mit einer überregionalen, herausragenden (kultur-)historischen oder wissenschaftlichen Bedeutung eingestuft worden ist" (S. 11).